Jedem Tag wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben, um es frei nach Hermann Hesse auszudrücken. Wir sollen heiter Tag um Tag durchschreiten, wobei es oft die kleinen Freuden des Tages sind, die uns Stuf’ um Stufe heben, weiten und auf dem Weg des Lebens lenken. Ich freue mich des Lebens.

Freude teilen

Die größte Freude ist geteilte Freude. Statt in kleine Einheiten zu zerfallen, potenziert sich Freude, wächst über den eigentlichen Anlass, über die eigene Person, ja über alle Maßen hinaus. Darum teile ich nicht nur freudig gute Nachrichten und schöne Erfahrungen, sondern mache auch gerne anderen eine Freude.

Im Gegenzug fällt es mir selbst gar nicht leicht, Komplimente und Aufmerksamkeiten oder Hilfe von anderen Menschen anzunehmen und noch weniger danach zu fragen. Immer wieder denke ich, dass ich etwas alleine schaffen muss, dass Hilfe nur der allerletzte Strohalm ist, nach dem ich greife, wenn ich kurz vorm Untergehen bin. Und da ich tauchen kann, ist selbst das kein Problem.

Aber Spaß beiseite, gestern habe ich endlich erkannt, dass diese zwei Dinge untrennbar miteinander verbunden sind. Sowohl Komplimente als auch Freundschaftsdienste oder handfeste Hilfe können am Ende beiden Seiten gut tun. Aber erst, wenn ich sie von Herzen annehme, wachsen Freude und Dankbarkeit, wovon es auf unserer Welt gar nicht genug geben kann.

Der Tag beginnt

Neuer Tag, neues Glück. Gegen 6:30 steigt die Sonne momentan direkt vor unserer Fensterfront aus dem Meer und taucht kurz darauf die hellen Vorhänge in ein glühendes Orange. Gestern schlich mich nach draußen, um auf dem Rasen ein paar Yogaübungen zu machen. Während die Wellen auf dem dunklen Sandstrand vor der niedrigen Gartenmauer ausrollen, lasse ich den Atem fließen, finde zu mir (Why breathing is your superpower). 

Für mich ist Yoga viel weniger Sport- oder Dehnungsprogramm, sondern vielmehr eine ganzheitliche Lebenseinstellung. Es geht um die innere Haltung, das eigene Verhalten – in Worten und Taten – sowie die Verbindung von Körper und Geist über den Atem und darüber hinaus. Das war nicht von Anfang an so. Mein Yogaweg entfaltet sich stetig vor mir, nimmt hier und da einen Abzweig, den ich vor Jahren rundweg abgelehnt oder gar nicht erst wahrgenommen hätte, ganz genau wie das Leben an sich, und führt mich langsam aber sicher zu mir selbst zurück.

Jeder Mensch ist anders, hat ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Ich glaube nicht, dass es die eine richtige Yogapraxis gibt, insbesondere da sich unsere Ziele und Wünsche über die Zeit verändern. Neben dem bewussten Atmen helfen mir Affirmationen, um mich in den Asanas, den Yogaposen, stärker mit mir selbst und dem Rest der Welt zu verbinden (Pictures as cards: Thoughts, quotes and affirmations).

Die Welt retten

„Kann Yoga die Welt retten?” klang in meinen Ohren dennoch ein wenig abgedreht, doch da mir die bisherigen Podcastfolgen des Magazins Hygge, in denen Yvonne Adamek „Ideen für eine bessere Welt” vorstellt und mit einem Interviewgast bespricht, gefallen haben, gab ich dem Gespräch eine Chance. Zum Glück. Denn Bettina Schuler hat mir aus dem Herzen gesprochen. Für sie ist Yoga ebenfalls

„kein weiteres Fitnesskonzept, sondern ein ganzheitlicher Lebensweg, der sich sowohl im Umgang mit sich selbst als auch mit den anderen und unserer Umwelt widerspiegelt.”

Bettina Schuler: Yoga

Im Gegensatz zu mir ist sie nicht Tauch- sondern Yogalehrerin und hat das Projekt Citizen2be gegründet, das Yogastunden für traumatisierte Frauen anbietet. Unser Engagement liegt woanders (That’s Devocean). Jeder nach seinen Vorlieben und Fähigkeiten, wodurch wir hoffentlich weitere Menschen inspirieren, uns vernetzen und bestärken und dadurchTag für Tag Yoga leben.

Die kleinen Freuden des Tages

Um 7 Uhr bringt mir Yoeri Kaffee nach draußen. Alles schmeckt besser, wenn es jemand mit Liebe für uns zubereitet hat, wobei wir sogar selbst diese Person sein können. Dankbar nehme ich auf dem Sandsack Platz, trinke einen Schluck und schaue aufs Meer. Heute wird ein großartiger Tag, beschließe ich. Warum auch nicht?

Vorsichtshalber lese ich keine Nachrichten, sondern schaue nur durch Fotos, die die Schönheit der Welt und die Vielfalt des Lebens unter wie über Wasser zeigen. Ich freue mich auf einen weiteren Tag am Meer, auch wenn wir einen Großteil an Laptops hinter der Fensterscheibe verbringen werden. 

Der Himmel bleibt ausnahmsweise bewölkt, was die Mittagshitze erträglicher macht. Vielleicht gehen wir heute Nacht noch tauchen, vielleicht erst in ein paar Tagen, denn unser Aufenthalt auf Bali hat sich ein weiteres Mal verlängert (Nach Hause kommen). Wir können die Entscheidung der Fluggesellschaft nicht beeinflussen, genauso wenig wie das Wetter oder die Bedingungen zum Tauchen, uns nur nach ihnen richten und das Beste draus machen (Warum ich tauchen liebe).

Theorie und Praxis

Gerade als ich eine Geschichte bei story.one und auf den einschlägigen sozialen Medien veröffentlicht habe, ruft mich meine gute Freundin über Skype an. Die Verbindung bricht manchmal weg und die Verzögerung in der Leitung führt dazu, dass wir uns zwischendurch ins Wort fallen. Nichtsdestotrotz tut es so gut, ihre Stimme zu hören und Pläne zu schmieden.

„Wenn ihr es bis dahin in die Niederlande geschafft habt, kann ich dich zu deinem Geburtstag besuchen,” bietet sie an. „Quatsch,“ sage ich, „ihr seid doch im Urlaub auf dem Zeltplatz und das ist viel zu weit für dich allein.” „Drei Stunden Fahrt.” „Sechs Stunden Autofahren an einem Tag ist doch Wahnsinn.” Die Verzögerung in der Leitung erlaubt es mir, dem Groschen beim Fallen zu beobachten.

„Nein, Stop noch einmal zum Anfang bitte. Erstens ich freue mich riesig, dass du kommen willst. Ich würde super gerne meinen Geburtstag mit dir feiern. Aber ist das wirklich nicht zu viel für dich, so lange Auto zu fahren?” „Ist ja nicht am Stück. Ich mach das ja nicht nur für dich, ich beschenke mich auch selbst.” „Du bist die Größte. Hoffentlich klappt es diesmal mit unserem Flug und du kannst die Kinder bei deinem Mann lassen.” „Die schaffen das schon.” Das ist Musik in meinen Ohren.

Die Freude der Anderen

Musik gab es auch heute kräftig auf die Ohren. Am Morgen übt sich einer unserer Nachbarn auf einem Xylofon aus Bambus, welches in vielen balinesischen Melodien vorkommt und eine zentrale Rolle im Garmelan spielt. Ein Garmelan ist ein ganzes Musikerensemble, in dem neben dem Xylofon und einem Gong verschiedene Konstellationen von Trommeln, Saiteninstrumenten und Flöten gespielt werden. Die Gitarre wird nebenan auch häufig angestimmt, dann allerdings eher zur Begleitung alter und neuer Pop- und Rocksongs.

Auf solche schalten sie nun auf einer Musikanlage um. Im Laufe des Mittags schraubt sich die Lautstärke langsam in die Höhe und kratzt an den Grenzen dessen, was der Verstärker herzugeben vermag, als die erste Karaoke-Einlage erklingt. Stimmt, Yoeri hatte am Morgen bemerkt, dass nebenan ein Schwein über dem Grill gedreht wird. Ein todsicheres Zeichen, dass es etwas zu feiern gibt, hätten wir uns also denken können (Im Rhythmus der Tropen).

Alternativprogramm

Tapfer arbeiten wir noch ein wenig weiter vor uns hin. Doch als unsere Vermieterin schreibt, dass sie nebenan sei, auf der anderen Seite versteht sich, packen wir unsere Erste-Hilfe-Tasche und verschanzen uns gemeinsam hinter der Resortmauer, was den Klang ein wenig dämpft. Yoeri verarztet ihre Wunde am Rücken, die schon viel besser aussieht als am Vortag. Es besteht also die Hoffnung, dass wir noch einmal gemeinsam mit ihr und ihrem Freund tauchen gehen können.

Aber nicht heute Abend, stattdessen öffnen wir das erste Bier. Kurz darauf wird die Runde durch zwei Freundinnen erweitert. Gemeinsam ziehen wir an einen Tisch auf die Terrasse am Meer um, bestellen Essen und spielen ein Kartenspiel, während sich die Sonne hinter den Vulkan Agung zurückzieht.

Bei den Nachbarn springt derweil die Anlage zwischen International oder Bali Trash, Karaoke, zu billigen Tanzversionen adaptierten Songs und balinesischen Trinkliedern hin und her. Es ist so grausam, wie es sich anhört, zumal sie die Lautstärke wild hoch und runter regeln und jeden zweiten Song mitten im Lied abbrechen.

Tod als Teil des Lebens

Eine der Freundinnen, die hier mit ihrem Mann ein Lokal führt, schließt einen Jungen von vielleicht acht Jahren in ihre Arme. Er habe vor ein paar Wochen seine Mutter verloren, die an Hauttuberkulose erkrankt war. Auf der Beerdigung, einer balinesischen Feuerbestattung am Meer, lag seine Mutter der Tradition entsprechend nackt, allein ihre Blöße und Brüste bedeckt, auf einer Bahre. Er habe gedankenverloren mit einem der Zipfel des Tuchs gespielt, bis eine Verwandte seine Hände nahm und sie beide auf seine Mutter legte, erzählt sie uns aufgewühlt.

„Das ist doch viel zu viel für ein Kind.” „Daraus können Trauma entstehen,“ pflichtet ihr die Leiterin eines der lokalen Tauchzentren bei. Das Traumatische ist sicher der Tod seiner Mutter an sich und nicht die Beerdigung, denke ich mir. Der einzige Balinese am Tisch wirft ein, dass man sich daran gewöhne, da auf Bali jeder im Laufe seines Lebens vielen Beerdigungen beiwohne und dass es sehr wichtig sei, dass alle Angehörigen auf diese Weise wirklich Abschied nehmen, um den Gestorbenen gehen zu lassen.

Das klingt total logisch. Ich hätte meinen Vater auch gerne noch einmal gesehen, wobei der Bestatter davon abgeraten hat, was in dem Fall sicher gerechtfertigt war. Trotzdem habe ich zum Abschied wenigstens kurz meine Hände auf den Sarg gelegt. Gehalten habe ich stattdessen die Hand meines Bruders, als die Einäscherung begann. Im Gegensatz zu Freude potenziert sich Trauer nicht, sie halbiert sich auch nicht, sondern lässt sich zusammen einfach besser ertragen (Entwicklung in Zeit und Raum: Trauern mit Fotografie).

Bestattung und Wiedergeburt

Doch nicht nur die Beerdigungsrituale unterscheiden sich, auch die Bedeutung des Todes ist eine ganz andere. So merkwürdig es für westliche Ohren klingen mag, im Hinduismus Balis ist die Bestattung die wichtigste Zeremonie im Leben eines Menschen. Nur die richtigen Rituale, inklusive der Verbrennung und anschließenden Reinigung der Asche, setzen die Seele frei, so dass sie letztlich wiedergeboren werden kann.

Somit endet mit dem Tod nur eine Phase des Lebens, bevor nach der Feuerbestattung ein neuer Lebensabschnitt beginnen kann. Dies muss nicht in einem menschlichen Körper sein und hängt davon ab, welches Karma die betreffende Person im Laufe ihres Lebens angesammelt hat. Karma bedeutet auf Sanskrit Tat. Jede Handlung, physisch oder geistig, führt zu positivem oder negativem Karma. Negatives Karma kann durch religiöse Verdienste, wie Rituale, Fasten, Wallfahrten, Mildtätigkeit und Tempelbauten, abgebaut werden.

Bei der Betriebsamkeit auf Bali in dieser Hinsicht, scheinen alle sehr darum bemüht, negatives Karma abzubauen, wobei es darüber hinaus Regeln gibt, die jedes Mitglied zu Beiträgen für Tempelbauten und Instandhaltung verpflichten. Die täglichen Opfergaben und zahlreichen Zeremonien, von denen manche für ganz Bali gelten und andere von Dorf zu Dorf verschieden ausfallen, verschlingen einen nicht unerheblichen Teil der häuslichen Einkünfte (Nyepi, der Tag der Stille, auf Bali 2020 gleich doppelt).

Für die Verbrennung müssen die Söhne aufkommen, alternativ weitere Verwandte, und da diese Zeremonie aufwendig gestaltet wird, kostet sie viel Zeit und Geld. Aus diesem Grund werden Verstorbene häufig zunächst, teilweise für mehrere Jahre, auf einem Friedhof in der Nähe des Tempels beerdigt bis genug Geld gespart werden konnte. Weniger wohlhabende Familien können sich innerhalb eines Dorfes für eine gemeinsame rituelle Feuerbestattung ihrer verstorbenen Angehörigen zusammenschließen.

Ist jemand eines unnatürlichen Todes gestorben, darf er nicht direkt verbrannt werden, sondern muss für 15 Jahre begraben werden, bis die Seele dem reinigenden Feuer übergeben werden kann. Vor ein paar Tagen ist in der Bucht von Amed ein Taucher tot geborgen worden. Es gibt ein paar Hinweise darauf, dass es vielleicht ein Selbstmord gewesen sein könnte, wobei der Tauchguide an Epilepsie litt und genauso gut unter Wasser einen Anfall gehabt haben könnte. Doch selbst ein Unfall oder Mord gelten als unnatürlich und so wird er jetzt in einem Grab beerdigt, was trotz allem eine ganze Reihe Rituale mit sich bringt und Teile der Dorfgemeinschaft über Tage beschäftigt, eben ein Teil des Lebens.

Freudentage

Gestern war der Geburtstag der Verlobten meines Bruders. Geburtstage sind der perfekte Moment für geteilte Freude, selbst wenn sie dafür Kontinente überwinden muss. Dafür erwartete sie am Morgen eine selbst gestaltete Karte auf ihrem Handy, bei uns fing der Tag schließlich sechs Stunden früher an. Wir gratulieren dem Geburtstagskind, dabei freuen sich so viel mehr Menschen, dass sie an diesem Tag geboren wurde.

Die Niederländer drücken dies in einem schönen Brauch aus. Es wird nicht nur der Person gratuliert, die Geburtstag hat, sondern auch der ganzen erweiterten Familie. Alle gratulieren sich gegenseitig dazu, diesen einzigartigen Menschen unter sich zu haben. Ich beschloss, auch ihren Eltern herzliche Glückwünsche zu senden, worüber sie sich gefreut haben.

Manchmal reicht es schon, wenn ich die Freude mit mir selbst teile. Die kleinen Freuden des Alltags überhaupt erst bewusst wahrnehmen und am besten noch aufschreiben, damit ich für all das, was ist, dankbar sein kann. Dankbar bin ich ebenfalls für all das, was war, denn es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich nun bin und bereitet mich auf all das vor, was noch kommen mag. 

Jeder Tag bietet eine neue Chance, etwas zu beginnen, etwas zu beenden, etwas zu verändern, etwas zu bewegen. Darüber zu schreiben, wird meine größte Freude sein. Gute Nacht und alles Gute!

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