Keine Ahnung, wann ich das erste Mal von Yoga gehört habe. Als die Oberstufe begann wurden Schüler von zwei Gesamtschulen neu zusammengewürfelt, wodurch ich eine meiner heutigen Freundinnen kennenlernte, die bereits als Kind regelmäßig mit ihren Eltern und ihrer Schwester in den Yogaurlaub in die Schweiz gefahren war. Obwohl ich mir meine Familie nicht beim gemeinsamen Stretching zur Entspannung vorstellen konnte, hat mich Yoga sofort angesprochen. Alles Yoga oder was?

Das ist sicher nicht bei jedem so. Wie bei mir, tauchen sofort irgendwelche Bilder und Zuschreibungen auf, von Euphorie über Desinteresse bis leidenschaftliche Abwehr ist alles dabei. Gerade in der westlichen Welt wird meist nur der körperliche Aspekt, zunehmend auch seine Auswirkungen auf den Geist gesehen. So habe auch ich angefangen. Nach und nach mal hier reingeschnuppert, mal das ausprobiert, um irgendwann kopfüber ins Meer der Möglichkeiten zu fallen.

Viel spannender und mit jeder Menge Spezialeffekten wird eine solche Entwicklung übrigens in dem Marvel-Film „Dr. Strange” erzählt. Wie Bücher einem beim wiederholten Lesen ganz neue Seiten offenbaren, wenn neue Erfahrungen den eigenen Blickwinkel verändert haben, so eröffnet mir dieser Film immer neue Dimensionen, je nachdem, wo ich gerade stehe. In meiner Vorstellung können wir unsere persönliche Superkraft, den Atem, kultivieren, und lernen unsere Energien zu lenken, vielleicht nicht, um die Welt vor der dunklen Dimension zu retten, aber in jedem Fall uns selbst.

Wellenreiten

Nichtsdestotrotz habe ich eine ganze Weile gebraucht, um mit Yoga zu beginnen und noch länger, um mehr als einen sporadischen Zugang aufzubauen. Liegt das vielleicht daran, dass „Dr. Strange” erst 2016 in die Kinos kam? Übrigens mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle. Genau wie Dr. Strange diverse medizinische Behandlungen durchprobiert, bis er sich auf den Weg nach Kathmandu macht, habe ich verschiedene Richtungen und Praktiken des Yoga kennengelernt. Bei weitem nicht alle und ganz sicher kann ich das nicht abschließend zusammenfassen, zumal der Weg das Ziel ist. Wenn Einheitsgrößen schon bei Kleidungsstücken nicht funktionieren, wie sollte es beim Lebensweg wer Fall sein?

Einmal infiziert rollten verschiedene Elemente von Affirmationen, Körperhaltungen, Atem- und Entspannungstechniken wie Wellen durch mein Leben. Wenn ich es schaffte, eine Weile auf einem der Kämme zu reiten, tauchen auf einmal neue Einsichten und ergänzende Aspekte auf. Manchmal verlor ich dadurch das Gleichgewicht, manchmal beflügelte es mich. So oder so rollt jede Welle irgendwann am Strand aus und ich muss mich motivieren, wieder aufs Neue hinaus zu paddeln und vor allem zu akzeptieren, dass ich auf dem Weg zwangsläufig auch Wellentäler durchqueren muss.

Noch nie habe ich eine so umfassende Yogapraxis aufgebaut, wie in meiner Zeit auf Bali (Kleine Freuden des Tages und der Weg des Lebens). Über fünf Monate war ich jeden Tag auf der Matte, nicht immer für Asanas, also die „Stellungen” oder Körperhaltungen des Yoga, aber immer für mehrere Aspekte, aus denen ich mir mein persönliches Yogaprogramm momentan zusammensetze. Neben Asanas mit Affirmationen sind dies vor allem unterschiedliche Atem- und Energieübungen sowie Meditation. Hätte mir vor zehn Jahren jemand was von Chakren als Energiezentren des eigenen Körpers erzählt, ich hätte nur meine Augenbrauen hochgezogen und mich abgewandt, vielleicht auch den Kopf geschüttelt oder gelacht – ganz wie Dr. Strange.

  • Underwater close-up of collonial tunicate. Red and white with little speckles / pores and two pronounced openings. Tiny brittle star living within. Prepared as postcard "Ich bin" and logo of Devocean Pictures.
  • Underwater close-up of an encrusting sponge: Orange with veins and opening (pore) in the centre. Prepared as postcard "Ich fühle" and logo of Devocean Pictures.
  • Underwater close-up of the arm of a crinoid / feather star in yellow with orange in the tips of each feathery tentacle and black towards the arm itself. Prepared as postcard "Ich mache" and logo of Devocean Pictures.
  • Underwater close-up of hard coral polyps often mistaken for soft coral or anemone with green inside, brown rim around it and white mantle. Heart-shape or liver-shape of the single polyp. Fimbriaphyllia ancora is also known as anchor coral, hammer coral, sausage coral, ridge coral, or bubble honeycomb coral. Prepared as postcard "Ich liebe" and logo of Devocean Pictures.
  • Underwater close-up of Blue Club Tunicate (Rhopalaea crassa): transparent blue sea squirt with golden rim on the siphons prepared as postcard with text "Ich spreche" and logo of Devocean Pictures
  • Underwater close-up of pink puff ball sponge (Oceanapia sagittaria), a small sponge growing on a stalk forming a round, semi-transparent pink ball, almost like a flower, second one as blur behind. Prepared as postcard "Ich sehe" and logo of Devocean Pictures
  • Underwater close-up of mushroom coral with whitish polyps extended. Rim in pink to purple blur. Prepared as postcard "Ich verstehe" and logo of Devocean Pictures.

Persönliche und äußere Fallstricke

Nach meinen glorreichen 159 Tagen gab es noch knapp zwei Wochen mit solider Praxis, dann einen rasanten Einbruch. Das war, wie üblich, in Europa. Zum Glück brach die Verbindung nicht ganz ab, auch wenn es sich für mich schon wie der Weltuntergang angefühlt hat, dass es so auf und ab ging, statt im Bali-Flow dahin zu fließen. In alten Strukturen und im Wechsel der Jahreszeiten fällt es mir viel schwerer mein Leben im Rhythmus der Sonne und an den eigenen Bedürfnissen auszurichten (Im Rhythmus der Tropen).

Das kenne ich von mir, genauso wie von Freunden. Im Urlaub, insbesondere wenn es eine längere Reise oder Auszeit ist, nehmen wir uns Raum zu reflektieren, lassen los, schmieden neue Pläne, bauen viel leichter frische Routinen auf. Voller Enthusiasmus und Tatendrang kommen wir nach Hause, wo uns dann nicht nur der Alltag am Schlafittchen packt, sondern uns zusätzlich das Unterbewusstsein und alte Gewohnheiten ein Bein stellen. Eingespielte Muster zu durchbrechen, fällt mir in gewohnter Umgebung schwerer. Jenseits zu den eigenen Routinen spielen hier die sozialen Beziehungen eine viel größere Rolle (Nach Hause kommen), die sich ebenfalls nicht von jetzt auf gleich verwandeln, nur weil wir uns das ganz fest vorgenommen haben.

„Ich weiß das doch!” Warum klappt es dann nicht auf der Stelle? Daran nicht mehr so ungeduldig mit meiner Mutter umzugehen, arbeite ich schon seit Jahren. Mit mir selbst geduldiger zu sein, ist noch immer eine ganz andere Liga. Bestimmte Verhaltensmuster, Tonlagen oder Reaktionen haben sich unbewusst so stark verfestigt, dass sie sich nicht einfach auf Knopfdruck veränderten Ansichten und Gefühlen anpassen. Meistens komme ich voran, mal in sieben Meilen Stiefeln und mal in Babyschritten, hin und wieder gibt es einen Salto rückwärts.

Genau hier lauert, nicht nur bei mir, die größte Gefahr: Alles absolut zu setzen, ganz oder gar nicht und damit den einen Rückschritt und jedes Stolpern als Scheitern zu empfinden. Jedem anderen würden wir die Hand reichen, auf die Schulter klopfen und sagen: „Netter Versuch. Beim nächsten Mal klappt es bestimmt. Vielleicht führt eine andere Art und Weise besser zum Ziel?” Bei mir klang es bisher eher wie: „Wenn ich das nicht klappt, kannst du es auch sofort sein lassen. Und im Übrigen auch gleich all deine Träume begraben.” Dass etwas zu wissen und zu verstehen nicht automatisch zum gewünschten Ergebnis führt, ist aber auch frustrierend.

Mittlerweile versuche ich es so zu interpretieren: Auf Phasen der Expansion, folgt Kontraktion, doch bedeutet dies nicht vollständige Destruktion des vorher Gelernten, sondern dient vielmehr der inneren Festigung. Oder anders ausgedrückt: Genauso wie wir merken, was wir alles an einem Menschen schätzen, wenn er eine Weile abwesend ist, führt mir Yoga nach einer Pause, umso kraftvoller vor Augen, welche positiven Effekte aus regelmäßiger Praxis entstehen. Vorausgesetzt wir haben uns schon einmal einer solchen Praxis hingegeben, wenn nicht, ist es nicht mehr als die Aussicht auf das, was sein könnte.

The Ancient One: I never saw your future, only its possibilities. You have such a capacity for goodness. You always excelled, but not because you craved success but because of your fear of failure.
Dr. Stephen Strange: That’s what made me a great doctor.
The Ancient One: It’s precisely what kept you from greatness. Arrogance and fear still keep you from learning the simplest and most significant lesson of all.
Dr. Stephen Strange: Which is?
The Ancient One: It’s not about you.

Movie quotes and more: Dr Strange

Erste Schritte

Mein allererster Kurs in Richtung mentale Entspannung und Stärkung war autogenes Training an der Humboldt Universität zu Berlin. Leider verpasste ich die dritte Stunde und kam anschließend nur noch schwer mit der Vorstellungskraft hinterher. Schwere in den einzelnen Gliedmaßen zu fühlen, fiel mir noch leicht, doch Wärme wurde bereits schwieriger. Da ich ja begriff, wie es funktionieren sollte, übte ich unter der Woche nur sporadisch. Nachdem ich noch eine Sitzung verpasste, brauch ich das Ganze ab, da es zu nichts führte.

Ausgelöst worden war meine Suche davon, dass ich über die Maßen aufgeregt war, wenn ich an der Uni Vorträge halten musste oder mündliche Prüfungen anstanden. Nicht immer merkten dies alle Zuhörer, aber davon unabhängig, hoffte ich auf mehr innere Gelassenheit. Vor einem Referat zur wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit in Zentralamerika hörte ich laute antreibende Musik, begann sogar auf dem Flur zu tanzen, statt mich wie üblich innerlich zu sammeln und mir beruhigende Worte, wie „hab keine Angst” zuzusprechen. Obwohl das Thema etwas kompliziert war, so dass mir die Zeit davon rannte, und die Professoren nicht die gleichen linken Ansichten vertraten, fühlte ich mich wesentlich besser als bei vielen anderen Vorträgen.

„Vielleicht liegt der Schlüssel in körperlichen Posen und positiven Affirmationen,” dachte ich mir und schrieb mich im nächsten Semester für einen Yogakurs ein. Dabei war mir ganz und gar nicht bewusst, dass Yoga nicht gleich Yoga ist. Da ich beim Unisport blieb, war schließlich gut und günstig, führte mich mein Weg, wie bei den meisten, zunächst zum Hatha Yoga. Im Hatha Yoga soll das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist durch körperliche Übungen (Asanas), Atemübungen (Pranayama) und Meditation erreicht werden.

Da sich viele Yogaklassen in der westlichen Welt vor allem auf die Asanas fokussieren, prägen sie das Bild, dass die überwiegende Mehrheit von Yoga hat. In meinem ersten Yogakurs nahmen wir gemächlich ein Asana nach dem anderen ein, dazu gab es Erklärungen, was die Haltung bewirken sollte und wie wir dies am besten mit unserer Atmung unterstützen könnten. Abschließend gab es eine Endentspannung in Savasana, der Totenstellung. Damit ist der Teil der Meditation oftmals abgeharkt. Ich begann mich nach Alternativen umzusehen, wobei Sonnengrüße besonders vielversprechend klangen.

Nicht richtig in den Fluss kommen

Als dauerfrierende Wasserratte liebe ich die Sonne, auch wenn ich immer höllisch aufpassen muss, dass sie mir nicht den Pelz verbrennt. Unglücklicherweise verpasste ich die erste Sitzung dieses Kurses und war auch zur zweiten spät dran, wodurch es mir schwer fiel, die verschiedenen Schritte fließend aneinanderzufügen – vor allem mit der Atmung, wie sie dieser Lehrer vorgab. So langsam ein- und auszuatmen, war ich bei sportlicher Betätigung nicht gewöhnt. Rückwirkend betrachtet war ich wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt überhaupt recht wenig gewöhnt. Gut, dass ich mich mal aufraffte, um Sport zu machen.

Was mir den Rest gab, waren die kleinen moralischen Geschichten, spirituelle Erläuterungen, mit denen dieser Lehrer seine Kurse abschloss. „Achtet auf eure Gefühle. Lasst euch nicht von ihnen beherrschen.” „Wer weiß, wozu gerade auch negative Erfahrungen noch gut sein werden.” „Regt euch nicht über Dinge auf, die ihr nicht ändern könnt.” Oh, wie ich mich darüber aufgeregt habe! Ich war nun einmal ein emotionaler Mensch, ich wollte fühlen und ich wollte meine Gefühle sowohl ausdrücken, als auch ausleben und nicht nur besonnen vor mich hin grinsen wie ein Mönch oder sonst irgendein Heiliger.

„Löst euch aus allen Verstrickungen. Wahre Liebe und Zuneigung entsteht, wenn ihr loslasst, wenn ihr frei seid, wenn ihr nichts erwartet.” Was, wenn ich gar nicht loslassen wollte? Ich wollte ich mich selbst bestärken und beruhigen können und mich nicht abwenden von den Menschen und der Welt. Ganz im Gegenteil: Ich wollte mittendrin und voll dabei sein, Veränderungen anstoßen. Gerade Wut und Empörung darüber, wie viele Ungerechtigkeiten es in dieser Welt gibt, wie rücksichtslos wir Menschen mit anderen Lebewesen, der Natur und ihren Ressourcen umgehen, machte ich schließlich zu Triebfeder, um erst ehrenamtlich und später hauptberuflich politisch aktiv zu werden. Zu viel Friede, Freude, Eierkuchen konnte ich da nicht gebrauchen. Ich beschloss, erst einmal ein kleines bisschen die Welt zu retten.

Heute hier, morgen dort

Körperliche Fitness wäre dafür sicher auch vorteilhaft. Da ich Fahrradfahren als gemütliches Fortbewegungsmittel ansah und mir das nicht durch sportliche Ambitionen zunichte machen wollte, ging ich von Zeit zu Zeit joggen und noch lieber tanzen, um dabei die übrige Welt vergessen zu können und mich voll und ganz zu spüren. Freundinnen nahmen mich mal hier mal da zu Yogakursen mit. Meistens waren sie auf Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit ausgelegt. Meditation oder philosophische Gedanken spielten keine Rolle.

Als ich das Jivamukti Studio ganz in der Nähe meiner Wohnung in Berlin besuchte, freute ich mich nicht nur über den klangvollen Name dieser Yogarichtung, sondern begrüßte auch, dass die Asanas zu einem durchgehenden Flow zusammengesetzt wurden – und das bei Rock- und Popmusik. Yoga fast wie ein Tanz. Jenseits dessen kam ich hier wieder mit anderen Feldern des Yoga in Berührung. Ahimsa, Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen z. B. durch Vegetarismus, leuchtete mir sofort ein.

Frohen Mutes ging ich zu meiner ersten reinen Pranayama-Klasse, um meine Atmung zu kultivieren, hörte und sang meine ersten Mantras – OK, OM kannte ich bereits. Doch „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu” klingt nicht nur mystisch, sondern hat auch eine zauberhafte Bedeutung: „Mögen alle Wesen überall glücklich und frei sein.” Diese eine Form der Übersetzung wird manchmal ergänzt um: „Mögen meine Taten, Gedanken und Worte in einer Form zum Glück und zur Freiheit aller beitragen.“

Vollkommen entzückt kaufte ich mir, als wir aus Berlin auf die Andamanen aufbrachen, nicht nur das Buch der Begründer von Jivamukti Yoga, sondern auch welche zu Ashtanga Yoga, ashtanga als dem achtgliedrigen Pfad, aus dem Jivamukti in den 1980er Jahren hervorgegangen ist. Seite um Seite erlosch meine Begeisterung zu Jivamukti. Denn ganz im Gegenteil dazu, dass man sich im Sinne von Bhakti an etwas Höheres als sich selbst hingeben soll, beweihräucherten sich die Begründer meiner Lesart nach hauptsächlich selbst. Es triefte förmlich vor New York, was auf meinem Long Island (Indien) ganz und gar nicht passte.

Mit der Kirche kann ich nichts anfangen, da ich den Glauben zu institutionalisiert finde, ganz angesehen von fragwürdigen Inhalten bzw. Auslegungen. Ganz sicher würde ich nicht anfangen, irgendwelchen selbsternannten Gurus hinterher zu hecheln, selbst wenn ich mit ihren generellen Haltungen übereinstimmte. Für mich sollte eine Lehre, ihre Ziele mit Inhalten und Techniken in den Vordergrund stellen, dabei flexibel Möglichkeiten anbieten, anstatt strikte Wege und Rituale vorgeben und – noch schlimmer – Lehrer, Hierarchien und Gehorsam über die Bedürfnisse der Suchenden stellen. Nachhaltig abgeschreckt wandte ich mich wieder den Wurzeln meiner Praxis vor Jivamukti zu.

Der Glaube an mich

Auf den Philippinen hatte ich begonnen mit Hilfe von „Yoga jeden Tag. Energie für Körper, Geist und Seele” von Anna Elisabeth Röcker mein Verständnis von Yoga zu erweitern und meine eigene Praxis zusammenzustellen. Insbesondere die Affirmationen für jedes Asanas haben es mir angetan. Im weitesten Sinne sind Affirmationen alles, was wir sagen oder denken.

Leider sind viele dieser Worte und Gedanken, ganz besonders diejenigen über uns selbst, negativ. Wir sind dies oder das, vor allem irgendwie nicht gut genug, denn wir können dieses oder jenes nicht, werden niemals usw. Um uns aus unserem eigenen Gefängnis zu befreien, können wir positive Aussagen entwickeln. Solche Statements, laut oder innerlich mit Überzeugung gesprochen, sind das, was die meisten Menschen unter Affirmationen verstehen.

Sie sollten in jedem Fall positiv formuliert sein, also keine Verneinungen enthalten, und am kraftvollsten sind bis zu fünf Worte. Statt mir als Studentin zu sagen, „hab keine Angst” hätte ich besser „ich bin mutig und selbstbewusst” sagen sollen. Etwas zu behaupten, ist leicht, doch bei Affirmationen geht es darum, wirklich überzeugt von dieser Aussage zu sein, es so stark zu fühlen, so überzeugt zu sein, um im Zweifelsfall vor einem Lügendetektor bestehen zu können. Daher funktioniert für mich die Kombination mit Asanas und dem Atem so gut, denn sie verstärken diese körperliche Ebene, geben den Worten Festigkeit und Haltung, lassen die Energie fließen.

„Ich bin” ist die stärkste Affirmation, was wir uns alle in unserer Sprache bewusst machen sollten. Wir sind nicht dumm. Wir haben einfach, was Dummes gemacht und können daraus lernen, es beim nächsten Mal anders zu machen, uns entschuldigen, wo nötig und ersetzen, was kaputt gegangen ist. Wer sein „ich bin mutig und selbstbewusst” nicht fühlen kann, weil im Unterbewusstsein so stark verankert ist, dass man eben ein Angsthase sei, kann es auch zu „ich bin jeden Tag ein bisschen mutiger und selbstbewusster” oder ähnlichen Varianten, die eine Entwicklungsrichtung vorgeben, umformulieren.

„Ich will” sollten wir bei unserer persönlichen Umprogrammierung des Unterbewussten jedoch nicht nutzen. „Ich will” zeigt immer etwas an, was wir (noch) nicht sind oder haben. Statt „ich bin” funktioniert für mich auch ganz gut „ich wähle”. Denn es unterstreicht unseren Einfluss auf unser eigenes Leben und dieser beginnt bei der Sicht auf die Dinge und vor allem der Sicht auf uns selbst.

Jenseits dessen kommt es bei Affirmationen, wie bei allem anderen, was ich zu mir nehme oder unternehme, auf die Intention an. Was will ich damit erreichen? Kaum etwas ist entweder nur gut oder nur schlecht. Alles hat mindestens zwei Seiten und manches sehr tiefe Abgründe, die dann auch eine Affirmation alleine nicht überbrücken kann. Doch zum Glück gibt es neben Yoga und Energiearbeit noch therapeutische Wege. Sich Hilfe zu suchen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern erfordert, genauso wie sich zu öffnen, viel Mut.

Sei dein eigener Guru

Noch immer schaue ich gerne in das Buch von Anna Elisabeth Röcker, denn sie geht kurz und knapp auf die Philosophie des Yoga ein, ganz ohne sie mit ihrer Person oder esoterischen Klängen aufzuladen. Der Achtstufige Pfad des Patanjali aus dem zweiten Buch der „Yoga Sutras” machte mir zum ersten klar, wie weit das Feld des Yoga sein kann. Dadurch, dass allgemeine Verhaltensregeln im Umgang mit anderen (Yama) wie mit sich selbst (Niyama), den Asanas und Pranayama vorangestellt ist, dämmerte es mir, dass der schwierigste Teil des Yogas vielleicht gar nicht auf der Matte stattfindet.

Der Meditation konnte ich mich schrittweise annähern. Denn die 5. Stufe ist das Zurückziehen der Sinne (Patyahara), dann folgt die Konzentration (Dharana) und nach der Meditation (Dhyana) die Erleuchtung, die Erfahrung der Einheit mit allem (Samadhi). Mit kleinen Übungen lernte ich meinen Körper und Sinne besser wahrzunehmen. Über Übungsreihen und Vorschläge habe ich nach und nach begonnen meine eigene Praxis zusammenzustellen.

Wahrscheinlich schlagen jetzt alle Yogalehrer die Hände über dem Kopf zusammen, denn es muss doch jemand die Ausrichtung kontrollieren. Doch bisher habe ich mich nicht verletzt und spüre eigentlich ganz gut, wie weit ich gehen kann oder wo ich etwas wie anpassen muss. Das funktioniert für mich und ist auch nur für mich gedacht. Nichtsdestotrotz gehe ich immer wieder gerne zu unterschiedlichen Yogastunden. Eine feste Richtung suche ich gar nicht mehr, sondern nehme jedes Mal etwas Neues mit und genieße die verschiedenen Einflüsse.

Ansonsten stecke ich meine Nase in weitere Bücher. Mein Herz machte einen Hüpfer, als ich die ersten Zeilen in „Asanas, Mudras und Bandhas” von Yogani laß:

„Von Kindheit an wird den meisten von uns gelehrt, dass wir einen Mittler brauchen, wenn wir eine Verbindung zu dem magischen Etwas Mehr im Leben suchen, auf das man sich alle Zeitalter hindurch als Gott oder Wahrheit bezogen hat. Unsere Priester, Geistlichen, Mullahs, Gurus und Rabbis versprechen, dass wir die uns verheißenen ewigen Belohnungen erhalten, wenn wir uns richtig verhalten. Und diese Belohnungen sind das, von dem wir vage als von unserer Erlösung eine Vorstellung besitzen. Was immer Dies ist, wir fühlen oft, dass wir davon unendlich weit entfernt sind, während wir unserem Weg durch die Höhen und Tiefen des täglichen Lebens entlang stolpern.

Doch dann, hin und wieder, auf ziemlich wundersame Weise, dehnen und strecken wir uns vielleicht langsam, entspannen unseren Geist oder ruhen in völliger Stille – und plötzlich öffnet sich in unserem Inneren etwas Grenzenloses – ein Kontinuum inneren Friedens und Fröhlichkeit, das so endlos wie zeitlos ist. […] Haben wir so etwas einmal erlebt (und fast jeder hat das), ist uns sozusagen das Tor gezeigt worden. Dieses Tor ist nichts anderes als wir selbst. Genauer: das Tor findet man in den inneren Mechanismen unseres Nervensystems. […]  Unser Körper ist das Tor zur Unendlichkeit.”

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter

Sei dein eigener Lehrer, nichts anderes als Lehrer bedeutet Guru, und finde deine eigene Superkraft. So sehr ich diesen Ansatz begrüße, so sehr hätte mir ein wenig Führung hier ein bisschen Hilfestellung da, sagen wir mal von einem geistigen Mentor, den Weg erleichtert. Vielleicht wäre ich auch zu stolz und trotzig gewesen, diese anzunehmen. Ganz besonders die Meditation ist mir am Anfang unglaublich schwer gefallen, denn ich wollte bloß alles richtig machen – Dr. Strange lässt grüßen.

Voller Ehrgeiz saß ich auf meiner Matte und versuchte bei meinem Atem zu bleiben, ohne an irgendetwas zu denken. Wenn einen Moment Stille herrschte, jubilierte ich innerlich, nur um festzustellen, dass das ja nun einmal ein Gedanke war. Während ich mich fürs Denken verdammte, verstrichen die Minuten, ohne das sich innere Gelassenheit einstellte. So funktionierte das nicht.

Meine schlauen Bücher brachten Abhilfe: Der Geist brauche häufig etwas, an dem er sich festhalten könne. Ein Bild, ein Wort, ein Mantra. Ich begann mir einen blauen Himmel vorzustellen, an dem ich meine Gedanken und aufkommenden Gefühle wie Wolken vorüberziehen lassen konnte, ohne dass ich sie weiter verfolgte. Später wurde dieses Bild zum Meer, wenn immer ein Gedanke auftauchte, ließ ich ihn von den Wellen fortspülen. Das funktionierte für mich zunächst besser, als mich auf geometrische Formen, Farben oder Frieden und ähnliche Worte zu fokussieren.

Doch irgendwie schaffte es mein Geist, mir Stille am Meer vorzugaukeln, während wie auf einer zweiten Ebene heimlich andere Gedanken abliefen. Nach und nach kam ich meinem Geist auf die Schliche, entdecke die Gedanken hinter den Gedanken immer schneller. Wenn ich den Überlegungen zu Aufgaben und Plänen, über eine Person oder Begegnung, das Essen oder sonstiges, was mich so den lieben langen Tag beschäftigt, liebevoll ziehen lasse, kann ich mir sicher sein, dass der nächste Gedanke irgendwie mit Yoga in Verbindung steht, in der Hoffnung, dass ich ihm folge, denn dies sind ja die guten Gedanken. Oder etwa nicht? Zum Glück gibt es selbst in den Superheldengeschichten von Marvel kein klares Gut oder Böse. So schicke ich ein Lächeln in meine innere Welt und kehre zu meinem Fokus zurück.

The Ancient One: You cannot beat a river into submission. You have to surrender to its current and use its power as your own.
Dr. Stephen Strange: I control it by surrendering control? That doesn’t make any sense.
The Ancient One: Not everything does. Not everything has to. Your intellect has taken you far in life, but it will take you no further. Surrender, Stephen. Silence your ego and your power will rise.

Movie quotes and more: Dr Strange

Alles Yoga oder was?

Das Schönste am Älterwerden ist, sich selbst immer besser kennenzulernen. Höhen und Tiefen gehören zum Leben, gehören vor allem auch zu mir. Ich bin einfach nicht so straight und suche gar nicht die Erleuchtung, sondern einen Weg meine eigene Welt ein Stückchen besser zu machen. Gesunde Routinen sollen nicht mein persönliches Normgefängnis werden, das ich fanatisch verteidigen muss. Denn das geht nach hinten los, ganz besonders, wenn es über Verbote läuft.

Wenn ich mir vornehme, etwas nicht zu tun, ruft meist nur hervor, dass mir genau das ohne Unterlass im Kopf herumschwirrt. Nicht nur unsere Affirmationen sollten positiv formuliert sein, auch unsere Ziele. Was, wenn ich aus jedem Stolpern, aus jedem Fallen etwas lernen könnte? Vielleicht gelingt es mir sogar, mich nicht von meinen Gefühlen und den Vorstellungen anderer beherrschen zu lassen.

Ach du grüne Neune, ich klinge wie der Yogalehrer aus Berlin! Nur rege ich mich darüber nicht mehr auf und überhaupt viel seltener. Ich bin ganz und gar nicht perfekt, arbeite daran, diesem Anspruch zu entkommen. Nicht nur dabei begleitet mich Yoga, zeigt mir, wie ich mich leichter aus persönlichen Tiefs befreien sowie zu größeren Höhen aufschwingen kann. Nicht immer ist alles nur gut und ganz sicher nicht einfach, aber ich bin glücklich auf meinem Weg.

Christine Palmer: Stop. You’re clearly in shock. What the hell is happening? Where have you been?
Dr. Stephen Strange: Well, after Western medicine failed me I headed east, and I ended up in Kathmandu.
Christine Palmer: Kathmandu?
Dr. Stephen Strange: Yeah.
Christine Palmer: Like the Bob Seger song?
Dr. Stephen Strange: 1975, Beautiful Loser, side A. Yeah. I went to a place called Kamar-Taj and I talked to someone called The Ancient One.
Christine Palmer: Oh, so you joined a cult.
Dr. Stephen Strange: No, I didn’t. No, not exactly. No. They did teach me to tap into powers that I never even knew existed.
Christine Palmer: Yeah, that sounds like a cult.
Dr. Stephen Strange: It’s not a cult.
Christine Palmer: Well, that’s what a cultist would say.

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