Dem frühen Vogel seien alle seine Würmer in der Morgenstund gegönnt, direkt nach dem Aufstehen ist mir weder nach Essen noch Goldsuche zumute. Morgens brauche ich meine Ruhe, um gut in den Tag zu starten. Dabei war mir die tatsächliche Uhrzeit lange Zeit ziemlich schnuppe.

Wenn der Morgen graut

Der Tag beginnt eben, wenn ich wach werde und das geht am bestens mit Tageslicht. Der frühe Schulbeginn fiel mir über die Jahre immer schwerer, insbesondere im Winter im Dunkeln zum Bus zu laufen war eine Qual. Da ich leiden musste, durfte die Familie auch nicht einfach munter weiter schlummern, sondern wurde von der Musik beschallt, die ich neben dem Kaffee brauchte, um langsam klarzukommen, bevor ich das Haus verließ.

Zum Ausgleich brachte ich meiner Mutter jeden Tag Kaffee und die Zeitung ans Bett gebracht, der Rest musste ohnehin auch zur Schule. Dort wussten alle, dass sie mich vor der zweiten Stunde nicht ansprechen sollten. Während des Studiums habe ich alle Kurse, egal wie interessant sie waren, innerhalb kürzester Zeit abgebrochen, wenn sie vor 9 Uhr begannen und meine Arbeit konnte ich mir weitestgehend frei einteilen, bis ich zu tauchen begann.

Leben im Rhythmus der Tropen

In den Tropen richtet sich mein Leben mittlerweile wie von selbst nach der Sonne aus. Wenn ich wach werde und es fühlt sich schon zu heiß an, um einen Kaffee zu trinken, fällt es mir schwer den Tag in all seiner Pracht zu genießen. Wie gern würde ich sagen, dass Sonnenlicht und Temperatur die einzigen Gründe sind, die mich in steter Wiederholung in Anklang mit mir und der Natur bringen. Doch um ehrlich zu sein, habe ich die ersten Schritte in diese Richtung nicht wirklich freiwillig gemacht. Der innere Antrieb ist im Laufe der Jahre gewachsen, aber es gab auf all unseren tropischen Inseln immer noch einen wesentlichen externen Faktor, der mich zum Licht geschubst hat.

Der Lärm der Anderen

Andere Menschen sind einfach laut, ganz zu schweigen von ihren Haus- und Nutztieren, und oft kommt man sich näher, als einem lieb ist. Bei der Reise in die Vergangenheit konzentriere ich mich auf die festen Wohnsitze in den Tropen, da dieser Beitrag sonst kein Ende nehmen würde. In Berlin, aber auch vielen anderen Orten der Welt, konnte ich genauso wenig jede Nacht gut schlafen, doch folgt das Leben dort nicht dem gleichen Rhythmus. Natürlich helfen Ohrenstöpsel, auf Dauer finde ich sie jedoch unbequem und für Taucher ist es nicht so ratsam, jede Nacht ein geschlossenes Mikroklima mit der restlichen Feuchtigkeit im Ohr zu erzeugen.

Panglao, Philippinen

Als ich Yoeri kennenlernte, wohnte er in einem Holzhaus, das ein deutscher Auswanderer auf dem Grundstück seiner philippinischen Familie errichtet hatte und nun vermietete, um zusätzliche Mittel für die Großfamilie bereitzustellen. Das positivste, das sich über diese Unterkunft sagen lässt, ist, dass sie günstig war.

Im Morgengrauen begann die Familie den Abwasch des vergangenen Tages zu machen, was so klang, als würden sie bei uns in der Küche stehen. Leider machten sie unser Geschirr nicht auch gleich mit, sondern unterhielten sich angeregt in voller Lautstärke, um das plärrende Radio zu übertönen. Wenn wir die Hoffnung, noch einmal einzuschlafen, gerade aufgegeben hatten und unseren zweiten Kaffee tranken, verliess ein Teil der Familie das Haus, während sich der andere wieder schlafen legte.

Wir haben es diesen Nachbarn mit einer ordentlichen Geräuschkulisse unserseits heimgezahlt und als ich nach einem Abstecher zu einer Konferenz in Manila wieder zurück auf die Insel kam, wurden wir gebeten, doch bitte ein wenig leiser zu sein. Wir sind daraufhin umgezogen und als wir den neuen Nachbarn, die eigentlich ein ganzes Stück hinter uns wohnten, klar gemacht haben, dass sie ihren Hahn nicht zum Schlafen auf den Baum neben unserem Haus setzen können, ließ es sich fürs Erste ganz gut in der neuen Betonhütte aushalten (siehe Foto).

Selbst die obligatorischen Karaokemaschinen, die zu allen möglichen Anlässen gemietet werden, drangen nur gedämpft an unser Ohr. Karaoke sorgt nicht nur bis tief in die Nacht für Stimmung, sondern wird gerne direkt nach dem Aufstehen wieder in Betrieb genommen. Yoga habe ich dort lieber unbeobachtet drinnen gemacht und war damit, Klimaanlage sei dank, nicht auf den frühen Morgen angewiesen.

Zum Tauchen ging es eigentlich frühestens um 8 Uhr, oft auch später. Doch während meines Divemasters begleitete ich Safaritouren von Moalboal über Apo Island und Siquijor zurück nach Panglao. Als Yoeri zum ersten Mal den Early Morning Dive auf Apo ankündigte, konnte ich es mir gerade noch verknüpfen, ihm vor den Gästen einen Vogel zu zeigen. Um 6 Uhr losfahren! Mühsam schleppte ich mich am nächsten Tag zum Boot, denn in dem Gemeinschaftsraum unterm Dach in dem Yoeri und ich untergebracht waren, hörte ich die ganze Nacht die Mäuse trappeln und es rieselte feiner Staub von Holzwürmer auf uns herab.

Mit einem Kaffee in der Hand lauschte ich dem Briefing. Ein Strömungstauchgang – meiner erster Strömungstauchgang. Mein Interesse war geweckt. Wenig später folgte dann auch der Rest des Körper, als ich mit Yoeri und seiner Gruppe über das Riff hinwegflog, während dort so langsam das Leben erwachte.

Schildkröten blinzelten uns an, Schwarmfische tanzten in den ersten Sonnenstrahlen, Makrelen überholten uns und ein mächtiger Napoleon stieg aus der Tiefe auf, um einen Blick auf die wilde Horde zu werfen, die dort übers Riff fegte. Es ging scharf um eine Kurve, wir hielten uns nah am Grund, um von der Abwärtsströmung nicht noch einmal tiefer gerissen zu werden, und tauchten dann langsam aus. Meine ersten beiden Seeschlangen rundeten den Tauchgang ab. Dafür würde ich jeden Tag früh aufstehen.

Long Island, Indien

Long Island, der Inbegriff der abgelegenen Insel: Zu Blue Planet musste man den in blauer Farbe gepinselten Pfeilen folgen und begegnete auf dem Marsch mehr unterschiedlichen Tiersorten als Motorrädern. Yoeris Videoclip weiter unten gibt vertiefende Einblicke in das entspannte und bunte Inselleben (Fotos zu unserer Behausung oben und zur Unterwasserwelt geht es hier). Wir hatten eine Reihe indischer Gäste, die besonders gerne für die Flitterwochen auf die Andamanen kamen, und mit der Ruhe zunächst überhaupt nicht zurecht kamen. Es war ihnen regelrecht unheimlich, keine anderen Menschen zu hören. „No horning! No horning!“ (kein hupen) erklärte uns ein verzweifelter Gast, der die erste Nacht nicht schlafen konnte.

Wir hingegen hatten größte Probleme die Geräusche der Mitmenschen auszublenden. Unser Eckzimmer im Resort grenzte an zwei Räume und direkt dahinter lag lag der Hof einer indischen Familie samt Babies und Nutztieren. Auf einer Seite schliefen der Koch und sein Helfershelfer. Sie alle begannen den Tag vor dem Sonnenaufgang. Da ich nun ohnehin wach war, lief ich zum Strand, um Yoga zu machen, was sich hier endgültig als Rettungsanker zum Ausgleich für beengtes Resortleben entwickelte.

Jenseits dessen gab es auch hier, wie überall in Asien, reichlich Hühner und Hähne. Dass Hähne am frühen Morgen krähen, ist ja an sich schon schlimm genug, aber dass dies die einzige Zeit wäre, ist ein Mythos. Hähne krähen den ganzen Tag und die ganze Nacht, wenn sie nicht gerade selbst schlafen. Leider haben sie einen leichten Schlaf und schrecken immer wieder auf, woraufhin sie sich selbst und der Welt versichern, dass alles in Ordnung ist, indem sie sich einmal kräftig krähen. Das schlimme daran ist, dass es so viele Hähne gibt, denn sie stacheln sich gegenseitig an.

Wirft ein Hahn auf der einen Seite der Insel sein Kikiriki in den Ring, kann man sich sicher sein, dass sein Nachbar dies aufgreifen und weitergeben wird und dadurch schwappt eine akustische La-Ola über das Tropenparadies hin und her. Manchmal lässt ein Hahn eine Runde aus, keine Ahnung warum, aber meist steigt er kurz darauf umso beherzter wieder ein. Einmal wach, fiel es mir schwer, wieder einzuschlafen und ich fragte mich, über was sie eigentlich palaverten. Irrsinnigerweise lebte sogar ein Hahn eine Weile mitten in dem kleinen Resort, was allen Gästen und Mitarbeitern den Schlaf raubte, nur den Besitzern nicht, denn sie schliefen woanders.

St. Eustatius, Niederländische Karibik

Beim Housesitting auf Statia habe ich feststellen dürfen, dass auch Hühner mit ihren Küken einen aus dem Schlaf reißen. Sobald der Tag anbricht, begeben sie sich auf die Suche nach Futter. Sie picken und scharren mit den Füßen und dabei reden sie die ganze Zeit mit ihren lieben Kleinen: Pokpokpok pooook, pokpok pooooook, pokpokpok poooooooook … So in der Art jedenfalls, die Kleinen antworten gehorsam mit einer Art schiep schiep schiep, welches sie in Tempo, aber auch Tonlage ihrer Laufgeschwindigkeit anpassen.

Nachdem wir umgezogen waren, war es endlich mal ruhig. Nicht einmal den Nachbarn, der über uns gewohnt hat, haben wir je gehört, vielleicht weil er, wie so viele Zugezogene, nicht das ganze Jahr auf St. Eustatius lebte. Die Arbeit begann erst um 8 Uhr, was für die Tauchbranche durchaus human ist. Ich nutzte die Zeit, um morgens Yoga im Garten zu machen, was dringend notwendig war, um mich davon abzuhalten, dem damaligen Besitzer des Tauchzentrums jeden Tag an die Gurgel zu springen. Es war nicht immer von Erfolg gekrönt. Am Ende unseres Vertrags hatte ich jedenfalls Hausverbot und wir nutzen die Gelegenheit, um mit der NGO STENAPA tauchen zu gehen und für sie zu filmen (auch unter Wasser).

Flores, Indonesien

Wir waren zu Beginn in einer Unterkunft, die viel zu nah an einer der Moscheen lag, um die Nacht durchzuschlafen. Noch schlimmer war für mich inzwischen, dass sie auch keine Möglichkeit für Yoga bot. Zum Glück fanden wir recht bald ein nettes kleines Zimmer, wo wir nur hin und wieder etwas von der Musik und dem Stimmengewirr der Bar oben am Hang hörten und was eine kleine private Terrasse hatte.

Für Labuan Bajo war es ein Traum, dazu günstig und bei einer netten Familie, mit denen wir uns im Wesentlichen über Mimik und Gestik verständigten. Zum Abschied haben sie darauf bestanden, uns alle zusammen zum Flughafen zu bringen. Uns hat das sehr gereut, sie hat gefreut, dass wir ihnen direkt frische Tauchlehrer für das Zimmer empfohlen haben – und die Tauchlehrer haben sich am allermeisten von uns allen gefreut.

Wakatobi, Indonesien

Man sollte meinen, dass wir hier prächtig hätten schlafen können, denn es gab keine Hühner oder Hähne auf dem Grundstück des Resorts und alle Nachbarn waren Arbeitskollegen, die am Ende des Tages genauso müde waren wie wir. Allerdings gibt es je nach Jahreszeit sehr viele Vögel, die pünktlich zum Sonnenaufgang zu einem vielstimmigen Konzert ansetzen. Welch ein Luxusproblem, geweckt durch Vogelgezwitscher.

Für uns begann die Arbeit ohnehin zwischen 6:30-7 Uhr, so dass ich deutlich vor 6 aufstehen musste, wenn ich Yoga machen wollte, was auch hier Gold wert wahr, um bei mir bleiben zu können und mich auf das Positive zu konzentrieren (Im Paradies verloren). Komischerweise haben wir beide überhaupt nicht gut durchschlafen können. Die Theorie einiger Leidensgenossen unter den Kollegen war, dass winzige Erdstöße und die Gezeiten unablässig an der Sandsteininsel nagen und sie mehr und mehr aushöhlen und uns diese minimalen Bewegungen den Schlaf raubten.

Amed, Bali

Momentan in Amed wohnen wir ländlich am Meer. Die „Bauern“ fahren also morgens in der Dunkelheit mit ihren Booten raus, statt aufs Feld zu gehen. Nach den ersten kurzen Nächten habe ich Ohrstöpsel benutzt, um wenigstens einzuschlafen und nicht zu hören, wenn auf einmal mitten in der Nacht die ganze Rotte Hunde des Nachbarn oder die Hunde am Strand in Gebell verfallen, weil jemand vorbei läuft.

Entweder kommt das nun sehr viel seltener vor oder ich hab mich einfach daran gewöhnt. Jedenfalls schlafen wir hier jetzt besser als jemals in Wakatobi. Die Hähne höre ich zwar den ganzen Tag und die ganze Nacht, doch sie wecken mich nicht auf. Die dauerhafte leichte Brandung hilft sicher, damit ihr Krähen mit dem Hintergrund verschmilzt. Die Fischer sind meistens selbst noch müde, manchmal schmeißen sie aber auch das Radio an, was ich höre, wenn ich ohnehin schon wach bin.

Am frühen Morgen ist die Temperatur einfach noch sehr angenehm und die Magie des Morgens, die ich immer belächelt habe, zeigt gerade in Punkto Yoga Wirkung. Momentan wache ich vollkommen ohne Wecker zwischen 5 und 6 Uhr auf und stehe gemütlich auf, um im Garten Yoga zu machen. Meine Yogapraxis hat sich bisher am besten in der Ferne entfaltet und parallel zum Tauchen immer weiter entwickelt – sie passen ja auch perfekt zu einander (Warum ich tauchen liebe).

In der Zwischenzeit steht dann Yoeri auf, so dass wir gemeinsam Kaffee trinken, aufs Meer blicken und online Zeitung und andere Nachrichten lesen, wenn das Internet funktioniert. Seit einer Woche ist der Himmel morgens wieder wolkenlos, so dass uns die Sonne spätestens um 8:30 temporär von der Veranda vertreibt. Der größten Hitze des Tages entfliehen wir, indem wir tauchen gehen oder uns drinnen hinter unseren Computern verschanzen, wo die Klimaanlage für konstante 27 Grad sorgt.

Gestern war ein besonderer Tag, denn die ganze Familie stand schon um 4 Uhr auf, was mich an die Philippinen erinnerte. Es fiel mir deutlich schwerer, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und zu meditieren, während sich direkt nebenan die Männer fröhlich zuschrien. Es stellte sich als Hochzeit heraus und am Nachmittag mussten wir vor Karaoke und balinesischen Hits flüchten. Unsere hohe, spitz zulaufende Decke fing den Klang perfekt auf und verstärkte ihn zu Diskolautstärke. So ist es, das Leben mit den Anderen.

Ausgeglichenheit und innere Gelassenheit

Im Grunde kann ich all diesen Orten und Menschen dankbar sein, denn erst sie haben mir die Augen geöffnet, dass der Morgen – gerade auch der frühe Morgen – mir doch etwas zu bieten hat. Wenn ich die Orte so Revue passieren lasse, wird mir klar, dass ich es einfach genieße, wenn ich am frühen Morgen sofort bei angenehmer Temperatur draußen sein kann und dies für Yoga viel motivierender ist. Drinnen entfaltet sich nicht das gleiche Gefühl. Das Leben überhaupt findet in den Tropen mehr draußen statt und durch das Tauchen stehen wir in direkten Kontakt zur Natur. Das ist wahrscheinlich der Schlüssel zu unserem persönlichen Glück.

Blick von unserer Verana in Amed auf Bali (Indonesien) über die Gartenmauer, auf der ein Hahn steht in den Sonneaufgang über dem Meer. Haustemel und Bäume bilden Silhoutten gegen den Himmel.
Aufstehen mit der Sonne: Im Rhythmus der Tropen

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