Der Tod gehört zum Leben. Wir alle wissen das, schaffen es aber immer wieder, diese Tatsache meisterhaft zu verdrängen, bis es einen Menschen trifft, den wir lieben. Ich fühlte mich anschließend lange verloren in Zeit und Raum, abgetrennt von mir selbst und meiner Entwicklung. Doch das Leben bleibt nicht plötzlich stehen, nur weil wir vor Schreck wie gelähmt sind.

Allerdings lief es auch nicht einfach weiter, sondern drehte Runde um Runde, um mir den Weg zu mir selbst und den Momenten zu zeigen, wo ich den Schmerz Stück für Stück loslassen konnte. Es ist nicht die Zeit, die alle Wunden heilt, es sind wir selbst, wenn wir uns die Zeit nehmen und den Raum dafür geben. Fotografie hat in verschiedenen Phasen der Trauer einen Teil dazu beigetragen, dass ich jetzt wieder mit beiden Beinen im Leben stehe und dann gab es noch glückliche Fügungen, die sich zeitlich perfekt in den Kreislauf des Lebens einpassten.

Ohne Abschied

Natürlich war mir bewusst, dass mein Vater nicht bei bester Gesundheit war. Es war schwer über die Kontinente hinweg den Kontakt zu ihm zu halten, wirklich zu wissen, wie es ihm ging. Wenn wir uns sahen, war ich zu sehr damit beschäftigt, meine neue Rolle zu finden, die materiellen und medizinischen Umstände im Blick zu behalten und alles zu regeln. Ich dachte, dadurch würden wir später mehr Zeit haben. Dann gab es kein Später mehr.

Die Nachricht kam per E-Mail. Ich musste sie nicht einmal öffnen. Der Betreff sprang mir schon kalt und endgültig entgegen. Trotzdem hoffte ich, dass es ein Tippfehler war. Jemand hatte sich in meinen E-Mail-Account oder den meiner Mutter gehackt. Es konnte nicht wahr sein, schließlich hatte ich noch so viel geplant, für das kommende Jahr, den Sommer der Liebe, den wir in Europa verbringen würden (Looking back in gratitude: Happy New Year).

Was davor geschah

Keine zwei Monate vor dieser Nachricht, im September 2018, kauften wir für uns beide neue Kamerasysteme, sogenannte Micro-4/3, so dass wir die Objektive untereinander austauschen konnten, natürlich jeweils mit Unterwassergehäuse und allem was sonst so nötig war. Nur Unterwasserblitze kaufte ich mir erst später, da ich dachte, es wäre einfacher mit Yoeris Videolampen zu arbeiten, was sich als Trugschluss herausstellte (My long way to underwater photography). Die ganze Ausrüstung war glänzend und wunderschön und, um ehrlich zu sein, flößte sie mir einen Heidenrespekt ein.

Die ersten Versuche waren ziemlich unbeholfen, um es milde auszudrücken. Nichtsdestotrotz war ich überglücklich und brannte darauf zu lernen, wie ich hiermit das nächste Kapitel meiner Unterwasserfotografie aufschlagen würde. Ich freute mich sogar darauf, mich mit meiner neuen Fotobearbeitungssoftware vertraut zu machen, und vor allem anschließend meine Vision zu teilen, damit Freude und Informationen zu verbreiten und einen Bewusstseinswandel anzustoßen. Wenn wir denn erst einmal in einem Gebiet mit halbwegs vernünftigem Internet wären.

Oktober ist einer, wenn nicht gar der besucherreichste Monat in Wakatobi, was bedeutete, dass wir uns glücklich schätzen konnten, wenn wir unseren einen freien Tag relativ regelmäßig nach einer Woche bekamen. Jedes Mal gingen Yoeri und ich auf einen langen Fototauchgang am Hausriff und lernten Stück für Stück unsere Kamerasysteme kennen.

Die Nachricht

Als die E-Mail ankam, hatten wir für den darauf folgenden Tag unseren fünften Fototauchgang geplant. Stattdessen buchten wir einen Flug nach Deutschland, um dort mit meinen Brüdern und der Hilfe meiner Mutter alles Nötige für die Beerdigung in die Wege zu leiten. Während des Flugs zog ich mich in die Welt eines Buches zurück und trank jede Menge Rotwein, in der Hoffnung irgendwann einzuschlafen, was mir nicht wirklich gelang.

Positiv überrascht war ich vom Bestattungsunternehmen, das sich hervorragend kümmerte und vor allem gekonnt und klar kommunizierte. Überrascht war ich auch davon, dass ich fast ohne Schlaf funktionieren konnte. Alles passierte irgendwie. Ich schaute uns dabei zu, suchte derweil verzweifelt nach dem Teil von mir, der herausgerissen wurde. Nach der Beerdigung brach die Welt für mich endgültig zusammen. Das ist der Moment, wenn der Schock in Gewissheit umschlägt und es aufmunternd heißt, dass das Leben doch weitergeht. Keine positiven Aussichten, wie ich fand, viel lieber hätte ich die Stopptaste gedrückt.

Fassungslosigkeit, Traurigkeit, Einsamkeit, Wut, Frustration und Schmerz lösten einander ab, überlagerten sich. Unglauben wollte sich aus ganz verschiedenen Gründen immer wieder nach oben kämpfen und schaute dabei missbilligend auf die Erleichterung, die anmerkte, dass es immerhin kein Schrecken ohne Ende geworden war. Ich fühlte mich vom Schicksal betrogen; betrogen um einen letzten gemeinsamen Sommer, betrogen um einen Abschied, betrogen um eine Erklärung. Woran genau er gestorben ist, werde ich nie wissen.

Was danach geschah

Der Inselalltag und die tägliche Arbeit saugten alle verbliebene Energie aus mir heraus. Es war auf so viele Arten niederschmetternd. Ich war nicht mehr ich selbst, mein Selbst war unerreichbar, irgendwo verloren in Raum und Zeit, auf der Suche nach meinem Vater, auf der Suche nach Sinn. Normalerweise liebe ich es, mich auszuprobieren und neue Dinge zu lernen. Ich mag es mich selbst herauszufordern, zu improvisieren, zu wachsen und mich zu entfalten. Doch jetzt nahmen mich meine Gefühle, meine Gedanken und meine Erinnerungen voll und ganz in Beschlag.

Rückwirkend würde ich es so beschreiben, dass der Verlust meines Vaters auch einen Teil von mir abgespalten hat und ich mich nach und nach Stückchen für Stückchen wieder zusammensetzen musste. Die Arbeit half nicht. Ja, arbeiten lenkt ab, aber den ganzen Tag zu lächeln, andere zu unterstützen, aufmerksam, hilfsbereit und gut gelaunt zu sein, war unglaublich ermüdend.

Ich war froh, wenn ich mir die Namen meiner Gäste merken, Fische und andere Meeresbewohner benennen und mich erinnern konnte, über was ich bereits gesprochen hatte. Obwohl ich mich wie eine blasse, geisterhafte Version meiner Selbst fühlte, bekam ich ziemlich positive Rückmeldungen von Gästen. Eine wichtige Botschaft an all die Perfektionisten da draußen: Wir müssen nicht immer 100% oder mehr bringen, um gut genug zu sein.

Am Abend konnte ich nur noch etwas lesen oder einen Film gucken und mehr als alles andere wollte ich schlafen. Schlafen bedeutete zu träumen und in meinen Träumen hatte ich die Möglichkeit, meinen Vater zu treffen. Ich konnte ihn nicht nur sehen, sondern auch seine Stimme hören und, noch wichtiger, ihn umarmen und küssen.

Seit er in den Ruhestand gegangen ist, habe ich die meiste Zeit an weit entfernten Tauchplätzen gelebt. Die letzten drei Jahre seines Lebens war ich nur kurz zu Besuch in meiner Heimatstadt gewesen. Ich hatte das alles 2019 nachholen wollen, doch da war unsere gemeinsame Zeit schon abgelaufen. Das Schicksal anzunehmen, fiel mir unglaublich schwer. Was wäre gewesen wenn, spielte sich immer wieder in meinem Kopf ab. Manchmal war ich einfach nur traurig, dann wiederum extrem wütend, aber vor allem gab ich mir die Schuld, nicht dafür, dass er gestorben ist, sondern dafür dass ich unsere Sommerpause zu spät geplant hatte, dafür dass ich bei meinem letzten Besuch nicht einfach länger bei ihm geblieben war, mich mehr gekümmert hätte.

Trauern mit Fotografie

Als wir das erste Mal wieder mit unserer Fotoausrüstung tauchen gehen wollten, entschloss ich mich in letzter Minute, meine Kamera nicht mitzunehmen. Ich hatte zu viel Angst, dass etwas schief gehen würde, dass ich es verbocken könnte. Es war schon schwer genug, mich an Land zu fokussieren, was konnte dann alles unter Wasser schief gehen?

Es war mehr als genug, Yoeris Spotter zu sein. In meinem Herzen nahm ich meinen Vater auf den Tauchgang mit, zeigte ihm die Schönheit und Vielfalt der Unterwasserwelt, wollte ihm begreiflich machen, warum ich all die Jahre so weit weg gewesen war, ihm sagen, dass ich ihn ebenfalls vermisst hatte.

Zum Glück bekamen wir relativ schnell nach Neujahr Urlaub. Wir hatten geplant tauchen zu gehen, der erste Fototauchurlaub meines Lebens! Als Abwechslung von den umwerfenden Riffen Wakatobis und um ein paar andere Critter zu sehen, entschieden wir uns nach Lembeh zu gehen. Ich war hin und her gerissen. Einerseits hatten ich kaum mit meiner Ausrüstung geübt und freute mich einfach darauf, so abgedrehte und wunderbare Kreaturen sehen zu können. Andererseits wollte ich das Meiste aus diesem Trip herausholen – insbesondere in Bezug auf Fotos.

Ich hoffte, dass meine Konzentration besser werden würde, wenn wir erst einmal den Fängen der Arbeit und den Einschränkungen des Insellebens entkommen wären (Im Paradies verloren). Aber das Gegenteil trat ein. All die Traurigkeit, all die Wut, all die Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfe brachen hervor und obendrein fühlte ich mich noch schuldig, dass ich nicht in der Lage war, meinen Urlaub zu genießen oder die Bilder zu machen, die mir im Geiste vorschwebten.

Trauer macht einsam

Mir war nicht nach anderen Menschen mit betroffenen Blicken oder aufmunternden Worten. Ohnehin verstand mich niemand. Niemand fühlte meinen Verlust, den körperlichen Schmerz, den er ausgelöst hatte, oder die anhaltende Trauer. Natürlich konnten die Menschen in diesem Tauchresort nicht wissen, warum ich so ruhig und distanziert war, wahrscheinlich sahen sie nicht, dass ich mit Tränen in den Augen weggehen musste, immer wenn ein Lied wie „Hurt” von Johnny Cash gespielt wurde.

Alle anderen waren mit ihrem Leben beschäftigt, gingen in ihren Alltag auf, ohne zurück oder um sich blicken zu müssen. Heute verstehe ich, dass jeder anders ist, dass jeder in dieser Situation andere Bedürfnisse hat. Die Menschen meinen es nicht böse, sie wissen einfach nicht, was sie machen oder sagen sollen und entscheiden sich dann dazu, nichts zu machen oder zu sagen. Doch jede Entscheidung, auch die, nichts zu tun, hat Konsequenzen und führte dazu, dass ich mich einsam, alleine und missverstanden fühlte.

Niemand will anfangen über den Tod zu reden, als könnte nicht darüber reden, die Tatsache ungeschehen machen. Keine Sorge, ihr erinnert die Person nicht daran, dass sie einen geliebten Menschen verloren hat, wenn ihr danach fragt, wie es geht. Ihr zeigt vielmehr, dass auch ihr euch daran erinnert, dass es diesen Menschen gegeben hat. Derjenige, der trauert, hat dies bestimmt nicht vergessen. In diesem Urlaub habe ich das Buch „Rosenjahre” von Jasmin Tabatabai gelesen und wäre in dem Moment so gerne ein Teil ihrer iranischen Familie geworden:

„Iraner gehen mit Trauer anders um als Deutsche. Alle weinen mit dir, alle umarmen dich, keiner versucht den Schmerz zu verdrängen.“

Gemischte Gefühle und Ergebnisse

Es ist keine Überraschung, dass dieser Gemütszustand nicht gerade hilfreich war, wenn es darum ging, Neues zu lernen und auszuprobieren. Nicht einmal das Tauchen an sich lief wie gewohnt, insbesondere wenn es in die Tiefe ging. Ich bin ohnehin ziemlich anfällig für Gasnarkose, aber hatte noch nie eine schlechte Erfahrung oder unangenehmes Gefühl damit – ich muss einfach aufpassen, dass ich dort unten nicht zu viel Spaß habe. 

Doch jetzt war es auf einmal so, als wenn alle negativen Emotionen multipliziert würden. Zusätzlich vergaß ich, meine Kameraeinstellungen anzupassen und manchmal sogar, wie und wo ich diese anpassen konnte. Es war ein Trauerspiel. Ich bat darum, flachere Tauchgänge zu machen, doch laut unseren Guides waren bestimmte Lebewesen eben nur um die 30 Meter zu finden. Wann würde ich jemals wieder die Chance haben eine Prachtsepia (flamboyant cuttlefish) oder die ganzen unterschiedlichen Nacktschnecken, die ich so sehr vergöttere, zu sehen?

Sollte ich es einfach genießen und den Fokus auf beobachten legen oder sollte ich mich fokussieren und versuchen wenigstens ein paar gute Ergebnisse von diesem Trip mitzubringen? Immerhin hatte ich schon Monate verloren, in denen meine Kamera und das Unterwassergehäuse nutzlos herumstanden und mich vorwurfsvoll von der Seite anschauten.  Am Ende habe ich häufig Yoeri das Feld zum Filmen überlassen und ich bin hoch erfreut, was er aus diesen Aufnahmen gepaart mit denen aus Wakatobi gemacht hat (Sulawesi Splendour). Ich habe bei allen winzigen und empfindlichen Lebewesen abgewunken, weil es sich nicht richtig angefühlt hat, sie unter meinen stümperhaften Versuchen leiden zu lassen.

Doch zwischen all den verzweifelten Anstrengungen, gab es Momente, in denen ich auf einmal vollkommen bei mir war, in denen ich ruhig, entspannt und konzentriert war, Momente, in denen alles passte, als hätten mein in Zeit und Raum zerstückeltes Inneres auf einmal wieder zusammengefunden und sich auf einen Ziel eingelassen. Es fühlte sich an, als ob alles endlich wieder einen Sinn ergab und ich mich auf derselben Wellenlänge wie mein Motiv befand (Photo series: Waves of energy).

Goniobranchus geometricus auf Gold-Seescheide

Mein Lieblingsfoto: Goniobranchus geometricus

Ich kann mich noch ganz genau erinnern, als mir plötzlich späterer Favorit erschienen ist. Yoeri war irgendwo tiefer beschäftigt, als diese kleine Prachtschnecke über ein altes Bananenblatt kroch. Goniobranchus geometricus war vielleicht 1,5 Zentimeter lang, doch der Hintergrund war diesem Schneckchen nicht würdig. Daher beobachtete ich es einfach und wartete.

Letztlich zahlte sich meine Geduld aus, denn die Schnecke kletterte nicht nur auf die Gold-Seescheide (Polycarpa aurata), in den knalligen Farben gelb, orange und lila die perfekte Bühne für diesen kleinen Rockstar, sondern stoppte dort oben für einen Augenblick und hob den Kopf mit den Rhinophoren, um zu bestimmen, wohin der weitere Weg gehen sollte. Nacktschnecken haben nur sehr eingeschränkte Sehfähigkeiten und die Rhinophoren, diese tentakelartigen Auswüchse am Kopf, erlauben es ihnen, chemische Spuren ihrer Lieblingsspeisen und Artgenossen im Wasser wahrzunehmen.

Ich liebe das Resultat. „Es sieht aus, als würde die Schnecke auf einem Regenbogen reiten,” sagt Yoeri. Das Originalbild ist im Landschaftsformat aufgenommen, was die Winzigkeit der Schnecke auf dem knalligen Hintergrund unterstreicht. Doch erst das Portraitformat wird dem Charakter dieses kleinen Superhelden gerecht. Je nachdem lässt sich besser das eine oder das andere verwenden und manchmal passt nur eins auf die Anforderungen.

Aufarbeitung und Nachbearbeitung

In diesen zehn Tagen in Lembeh sind am Ende eine ganze Menge Fotos entstanden. Leider reichte meine Energie nicht, sie mir anzusehen, sie auszusortieren, sie zu kategorisieren oder zu priorisieren – weder am Ende des Tages, noch am Ende des Urlaubs oder in unseren letzten Arbeitsmonaten in Wakatobi. Zumindest schaffte ich es unsere Website nach drei Jahren zu revitalisieren und den deutschen Blog zu starten. Aller Anfang ist schwer und das schwerste war zu entscheiden, wo unsere Geschichte beginnen soll (Sich treiben lassen oder zwei Wasserratten in den Bergen). Wenn ich erst einmal in Europa wäre, dann würde ich die Zeit haben, um all meine Fotos zu bearbeiten und viel zu schreiben, so dachte ich.

Den ganzen Sommer über machte ich einen weiten Bogen um meine Unterwasserbilder. Langsam aber sicher begann ich, Lightroom zu verstehen. Ich schrieb auch hier und da mal etwas, doch war es mehr Kampf und Krampf als Schreiblust. Jedes Mal, wenn ich durch die Fotos von Lembeh schaute, kamen die Gefühle aus der Zeit hoch, und ich brach den Versuch ab. Ich versuchte mich auf verschiedene Weisen zu motivieren. Schließlich wusste ich, dass es ein paar Schätze in den unberührten Ordern gab. Doch Monat um Monat verstrich. Mit der Zeit wuchs meine Frustration. Warum hatte ich die Bilder nicht gleich aussortiert? Warum machte ich das nicht einfach jetzt? Was zum Teufel wollte ich überhaupt machen und warum eigentlich? Warum, warum, warum …

In meiner Not begann ich nach Videowettbewerben für Yoeri zu suchen. Manchmal, wenn ich selbst nicht weiterkomme, ist es leichter, etwas für jemand anderen zu tun. Doch Videowettbewerbe sind oft Teil von Fotowettbewerben und obwohl all die Bilder mehrere Nummern zu groß erschienen – oder vielleicht gerade deshalb? – motivierte mich die Vorstellung, selbst etwas einzureichen, was ich geschaffen hatte, endlich durch meine Bilder zu gehen, meine besten Arbeiten herauszusuchen, um sie mit anderen Menschen zu teilen und mich mit ihnen zu messen.

Es fiel mir noch immer schwer, aber mit einem Ziel vor Augen, schaffte ich es, durch den Schmerz hindurch zu gehen. Ich arbeitete mich durch meine Nacktschnecken, wohl wissend, dass dort nicht nur mein Lieblingsbild, sondern noch ein paar weitere Fotos waren, bei denen sich schon im Moment der Aufnahme alles richtig angefühlt hatte. Außerdem wollte ich, über diese phantastischen Tierwesen und wo sie zu finden sind, schreiben (Nudibranchs: Everybody`s darling). Nachdem ich einmal akzeptiert hatte, das die meisten Bilder, weit davon entfernt sind, perfekt zu sein (die Einstellungen gehen hier kreuz und quer …), aber dass sie trotzdem zur Illustration und Identifikation genutzt werden können, wuchs die Sammlung und machte mich glücklich. Mit der Auswahl der Bilder begann ich zu schreiben, mich neuen Herausforderungen zu stellen, kurz mich mitteilen zu wollen.

Durch Zeit und Raum

Mein Lieblingsbild habe ich am 16. Januar 2019 aufgenommen. Knapp ein Jahr später, gerade als wir in Sanur auf Bali angekommen sind, höre ich, dass es ins Finale des besten Deutschen Unterwasserfotografen (als Teil des World Shootouts 2019) aufgenommen wurde (The picture that made it into the final). Es hat nicht gewonnen, was ich schon damals wusste, weil auf der deutschen Seite zwar neun Finalisten aufgeführt waren, aber auf der internationalen nur fünf. Doch das spornte mich trotz allem an.

Meine Kämpfernatur hat mein Vater auf jeden Fall geschult, vielleicht hatten wir manchmal zu viel Wettbewerbsdenken. Er hat mich immer unterstützt, wollte, dass ich mich ausprobiere, in die Welt hinausziehe und versuche mein Bestes zu geben. Auch wenn ich in diesem Zusammenhang sehr viel politischer geworden bin, als er sich das gewünscht hatte, und dann noch einmal ganz neu mit dem Tauchen und Fotografieren angefangen habe, statt wie andere Menschen Geld zu verdienen und eine Familie zu gründen, bin ich mir jetzt endlich wieder sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aufgeben gilt nicht, meinen Dickkopf habe ich schließlich wirklich von ihm geerbt.

Am 3. Juni 2020, dem Tag an dem mein Vater 74 Jahre alt geworden wäre, bekam ich eine E-Mail. Der Betreff lautete nur „TAUCHEN: Leservoting” und als ich die Nachricht öffnete, offenbarte sich das größte Geschenk, das mich in diesem Tag mit meinem Vater verbinden konnte: Die Schnecke hatte die Jury überzeugt und ich damit die Monatswahl Mai gewonnen. Ich tanzte auf die Veranda, um Yoeri um den Hals zu fallen und erst seine Frage brachte mich dazu nachzuschauen, was ich eigentlich gewonnen hatte. Davon abgesehen bin ich einfach überwältigt, dass sich dieser Kreis schließt, dass die Schnecke noch den Ruhm erhält, den sie verdient, und dass ich diesen Gewinn meinem Vater widmen kann.

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