Im Sommer 2011 gönnte ich mir eine Auszeit von fast sieben Wochen und legte den Tauchkurs zu Beginn meines Aufenthalts auf den Philippinen, so dass ich auf allen Inseln, die ich im Verlauf der Reise zu besuchen gedachte, abtauchen könnte (Inselfieber).

Besser auf Deutsch

Nachdem ich jahrelang für NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) in europäischen Kooperationsprojekten und mit internationalen Partnern gearbeitet hatte, wäre es an sich kein Problem gewesen, den Kurs auf Englisch zu machen. Doch als ich erkannte, dass Tauchkurse weltweit in diversen Sprachen angeboten werden, insbesondere auch Deutsch, sah ich keinen Grund, warum ich nicht von dieser Möglichkeit Gebrauch machen sollte.

Schließlich wollte ich auf jedem Fall alles richtig verstehen. Genau aus diesem Grund hatte ich mich zwei Jahre zuvor für einen Kurs in Deutschland entschieden. Zudem hatte ich nicht mehr länger abwarten wollen, denn gewartet hatte ich für mein damaliges Gefühl schon viel zu lange. Dass ich den Kurs in Deutschland letztlich nicht zu Ende gebracht habe, war jedenfalls nicht meiner mangelnden Motivation geschuldet (Wie ich zum Tauchen kam).

Alona Beach, Philippinen

Der Bekannte eines Freundes hatte mir nicht nur empfohlen, mein Tauchbrevet in Alona Der Bekannte eines Freundes hatte mir nicht nur empfohlen, mein Tauchbrevet in Alona Beach auf den Philippinen zu machen, sondern auch gleich ein Tauchzentrum unter deutscher Leitung vorgeschlagen. Trotz des biblischen Namens folgte ich der Empfehlung und so blieb nur noch die Frage, welcher Tauchorganisation ich folgen wollte: Dieses Tauchzentrum bot sowohl PADI als auch SDI Kurse für Tauchanfänger an. Der Unterschied sei, dass ich bei PADI das Buch kaufen müsse, wurde mir erklärt. Darum entschied ich mich natürlich für PADI, denn erstens mag ich Bücher und zweitens könnte ich so mein Wissen immer wieder auffrischen. 

Nachdem ich gebucht hatte, erzählte ich wochenlang, jedem hocherfreut, dass ich tauchen in Aloha Beach lernen würde. Meinen Fehler bemerkte ich erst kurz vor der Abreise. Schade, denn ich hatte bereits begonnen, alle freudig mit Aloha zu begrüßen, was mir dann doch irgendwie unpassend erschien. Trotzdem kam ich überglücklich und hochmotiviert in Alona Beach an und nachdem das Gepäck verstaut war, lief ich schnurstracks zum Tauchzentrum, um meine deutsche Tauchlehrerin kennenzulernen.

Meine Tauchlehrerin

Kurz darauf sitze ich unter Palmen am Strand, lasse mir langsam den Sand durch die Zehen rieseln, nippe an meinem Getränk und schaue verzückt aufs Meer, während meine Tauchlehrerin, eine Deutsche, ein paar Jahre älter als ich, mit mittellangem dunklen Haar, mir die einzelnen Kurselemente und möglichen Abläufen erläutert. Alles ist gut. Drei Tage klingen super, ich habe weder Eile noch Bedenken oder Einschränkungen und so kommen wir schnell vom Tauchen zum Reisen und tauschen uns dann über unsere bisherigen Leben aus.

Sie hatte irgendwann genug von ihrer Stelle als Sozialarbeiterin, wollte einfach sehen, was das Leben noch zu bieten hat und das nicht unbedingt in Deutschland. Dass sie nebenher in Frankfurt Partys organisiert hat und selbst elektronische Musik auflegt, lässt den letzten Rest des Eises dahinschmelzen. Ich schwärme von Berliner DJs und Tanzen zum Ausgleich vom ausufernden Arbeitsleben. Mich spüren und gleichzeitig der Musik hingeben, Gefühle in Bewegung umsetzen – oder doch eher Gefühle mit der Bewegung erzeugen? Egal in welche Richtung die Energie fließt, sie ist jedenfalls Balsam für die Seele. Als ich noch in Erinnerungen an meinen Abschied im Berghain schwelge, lädt sie mich ein, den Arbeitstag mit ihr ausklingen zu lassen.

Eigentlich wollte ich unbedingt noch ins Wasser, doch das hat sich im Laufe unseres Gesprächs immer weiter zurückgezogen, erst tauchten Seegraswiesen aus der Versenkung, nach und nach auch vereinzelte Korallenblöcke. Es wäre weder für mich noch die Lebewesen auf dem flachen Riffdach eine Freude, wenn ich jetzt noch ins Wasser waten würde.

Tauchen verbindet

Dann doch lieber mit dem Strom schwimmen und so in die örtliche Gepflogenheit mit dem klangvollen Namen Rum-coke-o’clock eingeführt werden. Zum Ende des Tages gegen 17 Uhr kauft hier ein Mitarbeiter eine Flasche Rum und ein anderer eine Cola, wobei 1,5 Liter Cola mehr kosten als ein Liter Rum, und dann kreisen zwei Gläser in einer gemütlichen Runde hinter dem Tauchzentrum. 

Gäste werden natürlich immer wieder gerne eingeladen, denn schließlich erweitert sich so der Kreis der Käufer für die Cola. Dieses Ritual zum Abschluss des Tages ist nur einer der Gründe, warum das Tauchzentrum unter den Freelancern am Strand sehr beliebt war und sei es nur für die Geselligkeit.

Ein Niederländer

So auch an meinem ersten Abend, als ein Niederländer, der gerade mit dem Safariboot eines anderen Anbieters nach Alona Beach zurückgekehrt war, die Runde erweiterte und auf Nachfrage bildreich und wortgewandt von seiner Tour berichtete. Solange sich der Erzählende dabei selbst nicht zu wichtig nimmt, liebe ich Geschichten des Lebens, die plastisch geschildert, gewürzt mit einer Prise Ironie ein Ereignis humorvoll untermalen oder den Kern einer Situation herauskitzeln. Glücklicherweise konnte der Niederländer nicht nur über sich selbst lachen, sondern schien überhaupt sehr in sich zu ruhen.

Wir lagen vom ersten Moment an auf einer Wellenlänge und irgendwie kam er mir auch bekannt vor. Wie sich herausstellte, arbeitete er in den letzten Jahren kaum noch als Tauchlehrer sondern als Videograf, was ihn mir noch sympathischer machte, denn Lehrer sind mir immer etwas suspekt. Zu meiner Verteidigung möchte ich vorbringen, dass mein Vater Lehrer war und meine beiden besten Schulfreundinnen Lehrerinnen geworden sind, weshalb ich die Freundschaft mit ihnen nicht abgebrochen habe.

Doch zurück zu jenem folgenschweren Abend. Der hochgewachsene, braungebrannte und äußerst unterhaltsame Niederländer lud mich in eine Bar ein. Ich lehnte dankend ab.

Selbstfindung und andere Prioritäten

Denn am nächsten Tag würde ich endlich richtig abtauchen! Ich war gerade unglaublich stolz, dass ich nach all den Jahren endlich wieder ganz alleine in die Welt hinausgezogen war (Aufbruch und Abschied). Ich wollte einfach meine Träume verwirklichen, ohne dabei jemanden Zuhause beruhigen oder aber motivieren und mitschleppen zu müssen. Letztlich bedeutete es so oder so Kompromisse eingehen zu müssen und Abstriche bei meinen Wünschen und Vorstellungen zu machen. Und was ich eigentlich genau wollte, musste ich zuallererst einmal herausfinden.

Woher sollte ich dabei die Zeit für eine heiße tropische Affäre nehmen? Diese Reise war für mich und mich ganz allein. Männer gab es ja schließlich wie Sand am Meer in Berlin und zwischen all den anderen Nationalitäten sicher auch irgendwo einen Niederländer. Urlaubsflirt mit Tauchlehrer klingt außerdem in etwa so klischeehaft wie One-Night-Stand mit Skilehrer, sagte ich mir, als ich nach einem guten Abendessen zu „Halbschlaf im Frosch-Pyjama” von Tom Robbins zurückkehrte.

Mein erster Tauchgang: Berauscht, befreit und beruhigt

Total frisch und fröhlich lief ich am nächsten Tag von meinem kleinen Bungalow barfuß durch den Sand zum Tauchzentrum nebenan. Es gab eine kurze Einführung in die Theorie untermalt von einer Flipchat. Anschließend wurde die Ausrüstung unter Anleitung zusammengebaut und dann ging es endlich ins Wasser. Ich kann mich nicht mehr im Detail daran erinnern, was ich auf dem ersten Tauchgang am Hausriff von Alona Beach gesehen habe. Ein paar bunte Fische mit Sicherheit, ebenso Korallen, vielleicht auch eine Schnecke.

Doch im Grunde war für mich gar nicht entscheidend, was zu sehen war, ich war einfach überwältigt von dem Gefühl: Endlich schwerelos, einfach schweben, frei im Raum, okay im Wasser, angekommen im Land meiner Träume. Ich fühlte mich schlichtweg vollkommen erfüllt, wie beseelt von dem Gefühl des Tauchens. Ein Gefühl, das berauscht, befreit und beruhigt. Es hat mich seitdem nie mehr losgelassen und macht mich immer wieder aufs Neue unfassbar glücklich.

Tauchen: Wie fliegen, nur besser

Doch zurück zu meinen ersten Flossenschlägen: Fasziniert von der Bewegungsfreiheit rollte ich vorwärts, rückwärts und zur Seite. Kein Wasser lief in der Nase, nichts zwang mich nach oben oder zog mich nach unten. Ich hatte das Gefühl, dass ich genau da war, wo ich sein wollte und dank der Flossen kam ich ganz mühelos voran. Ich imitierte den Froschbeinschlag meiner Tauchlehrerin und genoss das ganz und gar neue Körpergefühl, was mich zwar an das Fliegen in meinen Träumen erinnerte, aber doch anders war (Wie ich zum Tauchen kam). 

Ein paar prüfende Blicke zurück und dann kümmerte sich meine Lehrerin im Wesentlichen um die andere deutsche Frau, die sie mehr oder weniger den gesamten Tauchgang hindurch festhalten musste. Sie war auch der Grund, warum wir viel zu schnell an die Oberfläche zurückkehren mussten, nur 35 Minuten sagt mein Logbuch. Doch ab dem zweiten Tag würde ich mit meiner Tauchlehrerin alleine unterwegs sein. Traumhafte Aussichten.

Theorie mit Ablenkungen

Am Nachmittag wartete ein Video auf mich, anhand dessen ich die Wiederholungsfragen im Buch bearbeiten sollte. Die Frau mit den irre langen, rosa lackierten Fingernägeln und dazu farblich abgestimmter Tauchausrüstung fand ich gruselig, den ganzen Aufbau zu bemüht, als dass er unterhaltsam hätte sein können, und überhaupt zog sich das Programm zäh wie geschmolzener Käse. Noch dazu stand der Fernseher im Hinterzimmer eines Restaurants. Duftschwaden aus der Küche waberten zu mir herüber, darunter tatsächlich Fondue. Es herrschte ein munteres Kommen und Gehen, was zusammen mit dem Klappern und Schnattern bessere Unterhaltung als das Video versprach. Konzentrier dich!

Der Niederländer hatte mich bereits vor dem PADI-Video gewarnt. Der hätte bestimmt alles viel anschaulicher erklärt, dachte ich mir. Mittlerweile hatte ich mich über ihn erkundigt. Er hieß Yoeri, was meine Tauchlehrerin hartnäckig Jöri statt Juri aussprach. Klingt russisch hat aber keine derartige Verbindung außer vielleicht, dass bei der Zeugung Wodka im Spiel gewesen wäre, sagt Yoeri selbst. Er lebe eher zurückgezogen und interessiere sich nicht über die Maßen für Touristinnen, ob sie nun in Bikinis am Strand entlang flanieren oder engem Neopren im Wasser schweben, führte meine Tauchlehrerin weiter aus. Meist gehe er einfach nach Hause und schaue Filme. Und mit einer Philippinerin habe sie ihn überhaupt noch nie gesehen, fügte sie auf weitere Nachfragen hinzu. Soso.

Von der Theorie …

Ich riss mich aus meinen Gedanken. Denn es half ja doch nichts, die Fragen mussten beantwortet werden und so stoppte ich das Video jedes Mal, wenn einer der Aspekte der Ich riss mich aus meinen Gedanken. Denn es half ja doch nichts, die Fragen mussten beantwortet werden und so stoppte ich das Video jedes Mal, wenn einer der Aspekte der Wiederholungsfragen behandelt wurde und kopierte gewissenhaft die Antwort in mein Buch. Dabei machte ich mir weder Sorgen, dass mir etwas passieren könnte, noch erwartete ich, dass mir irgendetwas schwerfallen würde. Die Theorie war einfach nur eine Aufgabe, die erledigt werden musste, bevor ich mich wieder dem Tauchen hingeben konnte. Bezeichnenderweise habe ich die Antworten nie wirklich gezeigt oder besprochen. Das ging wohl im Trubel der folgenden Ereignisse unter.

… zur Praxis

Nur halbwegs frisch, doch überaus fröhlich und hochmotiviert lief ich am zweiten Tag vom Parkplatz für Motorräder mit einem kurzen Boxenstopp in meinem kleinen Bungalow barfuß durch den Sand zum Tauchzentrum (warum und wieso sollte mittlerweile klar geworden sein und ich erzähle gerne ein andermal). Es gab ausführliche Erläuterungen zu einer gefühlt unendlichen Anzahl von Übungen, die wir im Wasser machen würden.

Am Ende konnte ich mich nicht mehr erinnern, was am Anfang gesagt worden war. Aber erstens hatte ich diese Übungen alle schon einmal im Schwimmbad gemacht und zweitens machte die Tauchlehrerin sie mir unter Wasser jedes Mal vor. Nachmachen lief wie am Schnürchen, selbst wenn mir nicht immer ganz klar war, warum und wieso. Je schneller wir diesen Teil hinter uns gebracht hätten, umso mehr Zeit blieb uns schließlich noch zum Tauchen, dachte ich.

Abtauchen am Hausriff von Alona Beach

In der Tat konnten wir direkt eine Runde am Hausriff anschließen, wobei ich zwar weiterhin vollkommen in meinem Element aufging, jedoch nun auch begann die Unterwasserlandschaft wahrzunehmen, über die ich zum zweiten Mal schwebte. Bunte Fische waren schön und gut, doch was mir jetzt überdeutlich ins Auge fiel, waren zerbrochene und farblose Korallenstücke. Es zogen sich regelrechte Spuren der Zerstörung über das Riffdach.

Meine Tauchlehrerin gestand, dass dies der am meisten beschädigte Abschnitt des Hausriffs von Alona sei, aber ging nicht weiter auf die Ursachen ein. Stattdessen orakelte sie, dass sie sich total gut vorstellen könne, dass ich einmal Tauchlehrerin werden würde. Woraufhin ich nicht nur zu Bedenken gab, dass ich dafür ja erst einmal diesen und ein paar weitere Kurse abschließen müsse, sondern mit Nachdruck verkündete, dass ich niemals Lehrerin werden wolle.

Endlos lernen! Wir wunderbar.

Die weiteren Tauchgänge des Open Waters fanden an besser erhaltenen Riffabschnitten statt. Es lief alles wie von selbst. Wir hatten Freude am gemeinsamen Tauchen, hin und wieder mussten bestimmte Übungen nochmals während des Tauchgangs wiederholt werden und ansonsten begann ich, immer mehr Unterwasserlebewesen bewusst wahrzunehmen.

Nur einmal zog es mich ganz plötzlich nach oben. Die Luft in der Tarierweste hätte sich ausgedehnt, meinte meine Tauchlehrerin. Dabei hätte ich schwören können, dass das Ding leer war. Denn, so wie ich sie verstanden hatte, lief die ganze Tarierung doch ohnehin allein über die Lungen, wenn man mit der passenden Menge Blei tauchte (Warum ich tauchen liebe). Yoeri stellte später klar, dass die Tarierweste nicht umsonst so hieß und ich sie ruhig auch während des Tauchgangs nutzen könne, die Feinjustierung liefe in der Tat über die Lunge.

Wie dem auch sei, dieser Zwischenfall brachte mich darauf, dass ich das Gefühl des Tauchens nicht nur genießen, sondern mein Gespür verfeinern sowie meine Reaktionen schulen wollte. Wie genau sich Bewegungen, Haltungen, und natürlich die Atmung im Wechselspiel mit den Bedingungen unter Wasser auf mich und meinen Körper auswirken, bietet endlosen Spielraum und Entwicklungspotenzial. Man lernt nie aus! Wie wunderbar.

Von einem Tauchlehrer zum anderen

Am Ende des Kurses trug ich begeistert Plätze, Zeiten und Tiefen in mein Logbuch. Doch bei den Lebewesen blieb meine Lehrerin recht allgemein. Yoeri kenne sich da besser aus. Na dann.

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