Bisher wollten Yoeri und ich uns auf keiner Insel dauerhaft niederlassen. Vielleicht liegt es uns einfach nicht sesshaft zu werden? Statt vom eigenen Haus, einem Auto oder Kindern träumten wir von fernen Inseln mit unberührten Riffen sowie neuer Tauch- und Kameraausrüstung. Nicht, dass das Eine besser als das Andere wäre; Lebensentwürfe sind so unterschiedlich wie einzelne Persönlichkeiten und weltweite Lebensbedingungen. Mein Lebenslauf hat viele Brüche. Doch der größte Umbruch der letzten Jahre entsteht genau jetzt, wo wir beschließen zu bleiben, anstatt zu gehen.

Gemaltes Kinderbild: Eine Sandinsel im Meer mit zwei Palmen und sechs Vögeln vor der Sonne darüber.
Eines von vielen: Diese einsame Insel habe ich für meinen Vater zum Geburtstag gemalt.
  1. Mai 1986: Immer her mit Meer, Sand und Strand
    Nachdem mein Bruder zu seiner Kommunion ein Zelt geschenkt bekommen hatte, fuhren wir mit unseren Eltern an einem langen Wochenende hoch an die deutsche Nordseeküste. Da wir unsere Ferien für gewöhnlich im Ferienhäuschen unserer Großeltern in Wemlighausen im Sauerland verbrachten, freute ich mich besonders. Ja, Berge sind schön, können dem Meer meiner Meinung nach jedoch nicht das Wasser reichen (Inselfieber). Zu meinem Glück lag der Zeltplatz direkt hinterm Deich. Eilig stapfte ich die Treppe hinauf und dann das: Alles überflutet. Watt’n Scheiß!
  2. 1987 bis 1994: Wenn ich groß bin, werde ich …
    Immer wieder wurde ich genötigt, meine Zukunftsvorstellung in einen Beruf zu packen. Um nicht zugeben zu müssen, dass ich nicht nur keine Ahnung hatte, sondern mir eine solche Festlegung regelrecht Unbehagen bereitete, legte ich mir mit der Zeit Antworten zurecht. Inspiriert von einem Buch über den Berliner Zoo und Fernsehsendungen wie „Expeditionen ins Tierreich“ war dies erst Zootierärztin und später Journalistin. Alle waren mit meiner Wahl zufrieden, zumal ich gemeinsam mit meinem Bruder und Freund*innen eine Zeitung, den Mühlbachkurier, herausbrachte. Nur mich selbst habe ich nie restlos überzeugen können.
The picture I painted for my wall "The paradise we've lost" and me sitting in front of it.
Stolz blickte ich auf mein Werk. Die Schrift war rot und meine Sehnsucht groß.
  1. 1995: The paradise we’ve lost
    So schwarz-weiß malte ich mir die Welt mit fünfzehn Jahren. Ich wollte zurück ins vermeintliche Paradies, mich vor allem abgrenzen von Menschen, die sich im Hamsterrad abmühen, die endlos arbeiten, um zu konsumieren und damit die Welt dem Abgrund immer näher bringen. Da das Meer noch immer meine große Sehnsucht war, war eine Insel prädestiniert dafür, mein Zufluchtsort zu werden. Dort, so hoffte ich, könnte ich dem alltäglichen Wahnsinn und den gesellschaftlichen Zwängen zu entkommen.
  2. 2000 – 2001: Livin‘ la vida loca
    Nach dem Abitur suchte ich zunächst mein Glück als Freiwillige in der Fundación Niños en la Huella in Iquique, Chile. Mit nur einem VHS-Kurs im Gepäck landete ich nicht so weich, wie ich es erwartet hatte (Aufbruch und Abschied). Doch mit der Hilfe meiner Zimmergenossin Tina biss ich mich durch, bis wir als Alemanas locas eher zu viele Verabredungen und Veranstaltungen unter einen Hut bringen mussten. Trotz langer Nächte am Strand wuchs die Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien proportional zu meinen Spanischkenntnissen.
Auf der Sanddüne „Cerro Dragon“ in Iquique im Norden Chiles am Rande der Atacama Wüste.
  1. 2001: Wohin soll ich mich wenden?
    So gut der Auslandsaufenthalt für meine persönliche Entwicklung gewesen war, so klar wusste ich nun vor allem, was ich nicht wollte: Soziale Arbeit oder Pädagogik studieren. Ausgelöst durch eine freiwillige „Arbeitsgruppe Fotografie“ in der Oberstufe hatte ich in den letzten Jahren fleißig mit analoger Spiegelreflexkamera fotografiert. Nun liebäugelte ich damit, Fotodesign an der Fachhhochschule Dortmund zu studieren. Anders als eine meiner Freundinnen machte ich weder ein Praktikum bei einem Fotostudio, noch ließ mich für die Bewerbungsmappe beraten, und fiel prompt sang- und klanglos durch das Auswahlverfahren.
  2. 2001 – 2003: Studium Generale mit Geographie, Politik und Soziologie in Bochum
    Noch ganz erfüllt vom Duft der großen weiten Welt entschloss ich kurzerhand Geographie an der Ruhr-Universität Bochum zu studieren. Obwohl ich das Fach in meinem Abitur keine Rolle gespielt hatte, wollte ich jetzt die großen Zusammenhänge durchdringen, den Ursachen von Armut, Unterentwicklung und Umweltzerstörung auf den Grund gehen. Um mich bloß nicht auf einen Beruf festlegen zu müssen, vertiefte ich mein Spanisch und schnupperte in verschiedene Nebenfächer rein, um am Ende bei Politik und Soziologie zu landen.
  3. 2004: Auf den Spuren von Alexander Humboldt
    Als Geographin muss man einfach die Welt erkunden. So zogen Daniel und ich, mit Humboldt im Kopf, ohne festen Plan, wie lange wo in Peru und Ecuador bleiben, los. Abgelegen in der Bilsa Biological Station leisteten wir unseren Beitrag zum Schutz der Bergregenwälder und wurden dafür mit atemberaubenden Wanderungen durch den Park belohnt. Mein größtes Geschenk machten wir uns mit einer Bootstour durch die Galapagos-Inseln jedoch selbst. Obwohl die zahmen Tiere an Land geradezu für die Kamera posierten, haben sich die Begegnungen beim Schnorcheln, ob mit Seelöwen oder Pinguinen, für immer in mein Gedächtnis gebrannt (Wie ich zum Tauchen kam).
Auf den Touren durch den Regenwald in Ecuador folgten wir oft den Flussläufen.
  1. 2004 – 2010: Meine wilden Zwanziger in Berlin
    Nach unserer Rückkehr zogen wir nach Berlin. Einerseits konnte ich mich an der Humboldt-Universität zu Berlin zunehmend auf die Themen Umwelt und Entwicklung fokussieren, andererseits tauchte ich auf verschiedenen Ebenen ins Großstadtleben ein. Das Ganze finanzierten wir genauso wie unsere sogenannte große Exkursion nach Costa Rica und Panamá mit Nebenjobs. Es gab so viel zu entdecken und zu lernen. Wer kann denn da bitte schnell zum Abschluss kommen?
  2. 2008 – 2009: Mit WEED zurück auf die gerade Bahn
    Nein, es ist nicht das, was ihr denkt. WEED steht für World Economy, Ecology and Development e.V. und dort recherchierte ich während meines Praktikums fleißig zur „Schönfärberei statt Klimaschutz“ der Weltbank. Meine Idee durch ein Praktikum in Berlin, erste Kontakte in die Arbeitswelt zu knüpfen entwickelte sich so gut, dass ich von einem Projekt ins nächste rutschte. Nachdem wir unseren Sieg gegen den Ausbau des Kohlekraftwerks Klingenberg gefeiert hatten, meldete ich jedoch eine Pause vom Aktivismus an, um mein Studium zu Ende zu bringen.
Als Zweite von Links hatte mir im Vorfeld das Motto der Feier „1:0 für Berlin gegen Vattenfall“ ausgedacht. „Kohle nur noch zum Grillen“ liebe ich genauso wie Netzwerkarbeit im Allgemeinen noch immer.
  1. Frühjahr 2010: Wenn Träume ins Wasser fallen
    Nachdem meine Diplomarbeit mit dem handlichen Titel „The Clean Development Mechanism (CDM) – (ab)used by Germany? Deutsche CDM-Projekte und staatliche Steuerung der Projektnutzung“ in Sack und Tüten war, legte ich sofort wieder bei WEED e.V. los. Als ich eines schönen Frühlingstages mit meinem ersten Gehalt in der Tasche durch Berlin nach Hause radelte, fiel mein Blick auf das Schild „Jetzt Tauchschein machen„. Weil ich bereits als Kind immer wieder vom Fliegen träumte, hatte ich spätestens nach den Erfahrungen auf Galapagos beschlossen, Tauchen zu lernen, um das Gefühl meiner Träume ins reale Leben zu holen (Wie ich zum Tauchen kam). Bereits nach den ersten Flossenschlägen im Baerwaldbad in Kreuzberg war es endgültig um mich geschehen.
  2. 2010 – 2011: WEED ohne Ende, doch ich mache schlapp
    Als mein Mentor Peter Fuchs WEED e.V. verließ, um PowerShift e.V. zu gründen, wurde das Klima für mich rauer. Zum Glück standen mir großartige Menschen von Organisationen wie War on Want, Oxfam Deutschland e.V., Traidcraft Exchange, Comhlamh, AITEC und WIDE als Kooperationspartner zur Seite, wodurch ich mich in (inter)nationalen Netzwerken zunehmend Zuhause fühlte. Unser Kampagnenclip „Im Rohstoffrausch. Wie die EU-Handelspolitik Entwicklung untergräbt“ entwickelte ich zu meinem Lieblingsprojekt. Nur zum Schreiben eigener Texte blieb trotz Vollzeitstelle keine Zeit.
Stadtbummel bei einem Netzwerktreffen in Prag im März 2010, wo ich mir von einem Straßenhändler Falschgeld andrehen lasse.
  1. 30. Mai 2011: In meinem Element angekommen
    Nachdem ich die großen EU-Projekte erfolgreich zum Abschluss gebracht hatte, kehrte ich WEED den Rücken. Befreit reiste ich auf die Philippinen, um für meinen ersten Auftrag als angehende Freiberuflerin zu recherchieren und um zu tauchen (Endlich richtig abtauchen). Den ersten Tauchgang am Korallenriff von Alona Beach (Panglao) feierte ich im Coco Vida in guter Gesellschaft eines Unterwasservideografen. Nach drei Rum-Cola habe ich Yoeri geküsst und gut sieben Jahre später geheiratet. Dinge passieren einfach, wenn man seinen Träumen hinterherjagt.
  2. Juli 2011 – Januar 2012: Leben in zwei Welten
    Zurück in Berlin wartete Aufbauarbeit, sowohl für meine Selbstständigkeit als auch für die junge NGO PowerShift. Nach und nach belegte ich Foto- und Schreibkurse an der VHS Berlin. Denn ich hatte erkannt, welche Aufgaben ich am spannendesten fand. Außer der Netzwerkarbeit waren das mit Recherchieren, Schreiben, Übersetzen, Illustrieren und dergleichen genau die Bereiche, die die Festangestellten regelmäßig nach außen vergaben. Ich machte mich bereit, all diese Aufträge anzunehmen, um sie nach Möglichkeit aus dem Insel-Office zu bearbeiten. Bis dahin retteten wir uns mit Skype.
Gemeinsam erkundeten Yoeri und ich neben Panglao die Inseln Bohol und Camiguin. Es wurde viel gefilmt und fotografiert.
  1. Frühling bis Herbst 2012: Erst zum Dive Master und dann zur Tauchlehrerin
    Als ich zu Yoeri auf die Philippinen zog, taten wir genau das, von dem wir jedem Paar oder sich sonstwie nahestehenden Personen dringend abraten. Doch auch nach dem Rettungskurs unterrichtete er tapfer meinen Dive-Master-Kurs. „Warum ich tauchen liebe“ hätte ich trotzdem jederzeit in die Welt hinausposaunen können. Nur Tauchlehrerin wollte ich eigentlich nicht werden. Doch erst dadurch konnten wir uns gemeinsam nach wirklich interessanten Stellen auf fernen Inseln umsehen.
  2. 2012 – 2016: Es folgt der langsame Rückzug aus dem Stadtleben.
    In den Jahren lehnte ich zwei feste Stellen in Berlin ab, die für sich genommen ganz großartige Herausforderungen gewesen wären. Doch was hätte Yoeri auf Dauer in Berlin machen sollen? Er unterstützte zwar bestimmte Projekte von mir mit filmischen Mitteln. So entwickelten wir beispielsweise gemeinsam die ISDS Files. Letztlich wäre er an Land erstickt und ich wurde auf unseren Inseln immer glücklicher.
Screenshot of one of the clips Yoeri filmed with mantas 2015-2016 in Komodo (Indonesia): Diver (Nicki) is looking up from the sea ground with corals to a black manta ray with a smallishh white pattern underneath the belly.
Yoeri filmt 2016 für Uber Scuba im Komodo National Park. Ich bin nicht nur sein Spotter, sondern auch ein Mantamagnet.
  1. 2013 – 2020: Ein Jahr hier, ein Jahr dort
    Die Andamanen, Indien, gruben sich 2013-2014 tief in unser Herz ein. Einige Erinnerungen ließ ich in „A walk down memory lane: Out of India“ wieder aufleben. Auf Sint Eustatius, niederländische Karibik, gefiel uns in der Saison 2014-2015 insbesondere das intakte Ökosystem, festgehalten in „Unter Schutz stellen„, wobei Wakatobi in Indonesien uns noch tiefgreifender beeindruckt hat. Dort konnten wir uns als Dive Experience Manager von 2016 bis 2019 nicht nur voll und ganz unter Wasser austoben (Miteinander, ob gleichgesinnt oder andersartig), sondern auch in neue Kameraausrüstung investieren.
  2. 2020: Auf nach Bali und nichts geht mehr
    Meinen Weg zur Unterwasserfotografin beschreibe ich in „Entwicklung in Zeit und Raum: Trauern mit Fotografie“ und in „Momentausnahmen an Land und unter Wasser„. Anfang 2020 waren wir jedenfalls bereit, um mit Devocean Pictures in Indonesien durchzustarten. Die ersten Kontakte für Film- und Fotoaufträge waren gelegt. Wir machten uns nach einem längeren Boxenstopp in Europa gerade wieder mit unser Kameraausrüstung vertraut, als Tauchen und Reisen so wie wir es kannten, auf einmal zum Erliegen kam (Nyepi, der Tag der Stille, auf Bali 2020 gleich doppelt).
Showing Nicola Jaeger kneeling in a blue dress laughing with her camera in her hands.
Vor unserem Häuschen in Amed (Bali) am Strand mit meiner Olympus E-M1 MII.
  1. 2019 – 2022: Bloggst du noch?
    Owohl uns Corona auf Bali ausgeremste, habe ich während unserer Zeit auf Bali 2020 sehr regelmäßig gebloggt, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Seit 2015 baue ich unsere Website Devocean Pictures auf Englisch mal mehr mal weniger fleißig auf und um. Erst 2019 habe ich zum ersten Mal einen deutschen Beitrag auf Abgetaucht veröffentlicht (in dem Jahr insgesamt fünf Artikel). 2021 gab es ebenfalls nur fünf deutsche Blogartikel von mir, stelle ich gerade fest. Dies ist der Erste im Jahr 2022 und er macht mir Lust auf mehr!
  2. 23. – 29. Mai 2022: Diese Woche ging es Schlag auf Schlag.
    Zunächst einmal bekam ich eine Absage auf meine Bewerbung als Marine Park Rangerin. Nach einem Tag in tiefer Trauer beschloss ich, dass es zu meinem Besten ist, denn wahrscheinlich könnte ich meine wahren Qualitäten dort ohnehin nicht entfalten. Umwelt- und Meeresschützerin bin ich auch so. Dass ich endlich lerne, meine Stärken und Schwächen zu akzeptieren, habe ich übrigens Judith von Sympatexter und ihrer Boom Boom Blog 2022 zu verdanken. Hätte sie den Begriff der „kreativen Scannerpersönlichkeit“ nicht in meine Blogosphäre geworfen, ich würde mich noch immer fragen, was mit mir eigentlich nicht stimmt. Obendrein brauchten wir diesen Arschtritt des Universums, um endlich den Sprung in ins kalte Wasser zu wagen.
Am 29.05.2022 um 12:22 war der Artikel war längst online, aber das richtige Bild fehlte mir noch.
  1. 30. Mai 2022: Wir melden Devocean Pictures offiziell als Unternehmen auf Statia (Niederländische Karibik) an!
    Seit Ende August 2021 sind wir wieder auf Sint Eustatius (Go Statia: Why visit the Dutch Caribbean island). An unserem 11-jährigen Jahrestag werden Yoeri und ich morgen den nächsten Schritt gehen und endlich offiziell zusammen eine Firma gründen. War es bisher ausreichend einzeln als Kleinunternehmer*in aufzutreten, wollen wir jetzt über uns hinauswachsen und neues Land betreten. Nächste Woche filmen wir das erste Material für WOW! The Nature Film. So viele weitere Ideen warten darauf, das Licht der Welt zu erblicken. Wir werden berichten.

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„Take a Minute to Relax“ mit einer langen Einstellung, die dir Unterwasserlebewesen und -landschaften nahe bringen.

2 Kommentare

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