Zu Beginn war ich skeptisch, ob ich überhaupt eine Kamera haben wollte. Momentaufnahmen an Land waren schön und gut, aber unter Wasser erschien mir die Kamera, durchaus eine Belastung zu sein. Das Tauchen an sich war so aufregend, es gab so viel zu lernen und zu entdecken.

Doch bald stieg der Wunsch in mir auf, meine Eindrücke mit anderen teilen zu können. Fotografie war immerhin meine heimliche Geliebte und auch wenn die Beziehung hin und wieder abkühlte, war das Feuer aufs Neue entfacht. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, so heißt es. Meine ersten Unterwasserbilder hätten selbst wohlwollendes Publikum, ohne erklärende Worte, ziemlich verwirrt zurückgelassen: Verschwommen war nur eins der Probleme.

Die Anfänge

An Land begann es wirklich interessant zu werden, als ich Mitglied im Fotoclub an meiner Schule wurde, denn dort lernte nicht nur das gestalterische Potenzial von Blende und Verschlusszeit kennen, sondern machte auch noch eigene Abzüge in der Dunkelkammer. Wir experimentierten mit abwedeln und nachbelichten sowie Doppelbelichtungen. Manchmal, wenn ich heute am Computer arbeite, sehne ich mich nach einer Dunkelkammer. Natürlich ist es heute für mich ungleich einfacher, meine Bilder nachzubearbeiten, aber es heißt eben auch, hinter einem Rechner zu sitzen, statt richtig Hand anlegen zu können.

Meine Spiegelreflexkamera, eine gebrauchte Olympus, reiste mit mir nach Chile, wo ich nach dem Abitur in einem sozialen Projekt arbeitete, und später in die USA, wo mein Bruder als Postdoc tätig war, bevor ich mein Geografiestudium in Bochum begann. Um dies nicht zu schnell abzuschließen und mehr von der Welt zu sehen, reiste ich mit meinem damaligen Partner zwei Jahre später nach Peru und Ecuador.

Da wir für ein halbes Jahr unterwegs sein wollten, hatte ich bergeweise Filmrollen sowie einen neuen gebrauchten Weitwinkel für die Inkastätten und Bergpanoramen dabei. Nach einem langen und beschwerlichen Spaziergang von Miraflores auf den Morro Solar, nach einer Woche Lima rebellierten Magen und Darm noch gegen den neuen Speiseplan, schaute ich zufrieden über den südlichen Teil der Stadt und den Pazifik.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass wir auf einmal ganz alleine auf diesem Hügel standen. Das Fotografieren hatte mich so sehr abgelenkt, dass alle anderen Touristen und Familienausflügler unbemerkt verschwinden konnten und plötzlich drei junge dubiose Typen direkt auf uns zuliefen. Einer fragte noch, wie spät es wäre, als der Zweite bereits an der Kameratasche reißt. Obwohl wir natürlich gelesen haben, dass es besser sei, einfach sofort seine Sachen preis zu geben, kann mein Freund den Reflex, die Tasche an sich zu pressen, nicht unterdrücken.

Der dritte Typ beginnt in seiner Hosentasche zu nesteln und gerade, als ich eine Warnung schreien möchte, reißt der Gurt der Tasche und die Drei rennen davon. Für ein paar Meter renne ich ihnen hinterher, würde sie am liebsten auffordern zurückkommen, denn ich könnte ihnen stattdessen Bargeld geben. Doch sie rutschten in Windeseile den Sandhang hinab, während ich langsam zu Boden sinke. Nichts als Sand in meiner Hand, der mir durch die Finger rieselt. Die restliche Reise muss es eine kleine Digitalkamera herhalten, mit der ich mich nie anfreunden konnte.

Neuanfang

Es dauerte Jahre, bis das Geld endlich sprudelte, also für meine Verhältnisse. Den ersten Verdienst steckte ich gleich in einen Tauchkurs und später gönnte ich mir eine neue digitale Spiegelreflexkamera (Wie ich zum Tauchen kam). Eine kleine, aber feine Pentax KR1, mit der ich glücklich auf die Philippinen reiste. Nach der Ankunft in Alona schaute ich zufrieden über den Strand und den Pazifik. Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich hinter dem Tauchzentrum Rum und Cola schlürfe und mich ein dubioser Typ anlächelt. Instinktiv klammere ich mich an meiner Kameratasche fest. Zum Glück stellt sich heraus, dass er seine eigene Filmausrüstung hat und mich nur in eine Bar einladen will (Endlich richtig abtauchen).

Durch Yoeris Unterwasservideos auf den Geschmack gekommen, recherchierte ich und stellte leider fest, dass es für meine Kamera kein Unterwassergehäuse gab. An Land leistete sie mir jedoch gute Dienste und unter Wasser war ich ohnehin erst einmal ausgelastet. Doch als ich in Berlin alles vorbereitete, um längere Zeit in den Tropen abzutauchen und meinen Divemaster zu machen, erstehe ich kurzentschlossen auf Ebay eine gebrauchte Sea&Sea-Kamera. Ein wenig Recherche hätte mich mit Sicherheit in anderes Fahrwasser gelotst.

Ich kann mich noch gut an den ersten Tauchgang mit der Kamera erinnern. So aufgeregt und so motiviert, dass ich alles um mich herum vergaß, inklusive der manuellen Einstellungen, mit denen ich eigentlich arbeiten wollte. Die Ergebnisse waren desillusionierend. Ein Blitz machte es nicht besser. Ich konnte das Licht einfach nicht dahin bekommen, wo ich es gerne gehabt hätte, ganz zu schweigen davon, mich zuallererst mit der Kamera in die richtige Position zu bringen und dann still zu halten.

Erste Schritte und Rückschritte

Wir zogen weiter und ich sammelte Erfahrungen. Das Fotografieren wurde ein wenig besser, zumal viele Tauchplätze um Long Island (Indien) and Sint Eustatius (Niederländische Karibik) die Möglichkeit boten, dass ich mich im Sand stabilisieren konnte. Rückblickend würde ich sagen, dass mein Hauptproblem meine Einstellung war. Ich war davon überzeugt, dass ich genug über Fotografie wusste, um sofort unter Wasser fantastische Resultate zu erzielen und statt mich zu informieren, mich auszuprobieren und zu lernen, verurteilte ich mich für meine Unfähigkeit.

Außerdem ließ ich mich zu schnell ablenken. Anstatt mich zunächst an einfachen Themen und Situationen auszuprobieren, um darüber die verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten kennenzulernen und das Licht richtig zu setzen, zog alles meine Aufmerksamkeit auf sich. Wobei es mir die Kamera auch nicht gerade leicht machte. Nachdem ich den Auslöser gedrückt hatte, dauerte es am Ende mehrere Sekunden, bis sie tatsächlich das Bild machte. Wer kann bitte so ein gutes Foto aufbauen? Am Ende habe ich die Kamera auf Sint Eustatius Kindern zum Spielen hinterlassen.

Für die nächsten drei Jahre reichte es mir einfach, Tauchen zu gehen. Wann immer es die Möglichkeit gab, war ich glücklich, Yoeris Spotter zu sein. Immerhin schaffte er es, aus den Aufnahmen umwerfende Resultate zu kreieren (YouTube Kanal). Zugegebenermaßen hat er 20 Jahre mehr Erfahrung unter Wasser. So gesehen war es sicherlich gut, mich eine Weile nur auf das Tauchen zu fokussieren. Denn mit jedem Tauchgang konnte ich mehr über Tarierung, Positionierung und Bewegung lernen, ohne mich dabei mit einer Kamera abzumühen.

Ich kaufte mir eine gute Unterwasserlupe und beobachtete, war im Moment, statt ihn aufzunehmen. Vor allem aber hielt ich andere davon ab, Meereslebewesen zu bedrängen, zu verletzen oder gar etwas zu zerstören. Die meisten Taucher haben nicht die Absicht, etwas kaputt zu machen. Doch eine Hand hier auf kleinen Seescheiden abstützen und ein Flossenschlag in eine Koralle da, fordert bei unzähligen Wiederholungen seinen Tribut. Ich weiß selbst, wie leicht es ist, alles um sich herum zu vergessen, wenn man durch den Sucher schaut. Wenn man von einer Aufnahme zur nächsten hechtet, ohne sich die Zeit zu nehmen, sich richtig auszutarieren und zu orientieren, leiden nicht nur die Fotos.

Abschreckende Beispiele für Momentaufnahmen an Land

Aus diesem Grund wollte ich lange Zeit gar nicht mehr unter Wasser fotografieren. Ist nicht ohnehin schon alles fotografiert worden? Jeder hält alles fest und teilt es fleißig. Millionen Fotos überfluten die sozialen Netzwerke. Wie viel mehr werden überhaupt geschossen? An Land finde ich das schon abschreckend: Je mehr Leute sich an einer bestimmten Stelle in Pose werfen und fotografieren, umso weniger verspüre ich die Lust, ein Foto zu machen.

In dieser Hinsicht war unser Abstecher nach Bangkok im März sehr erfrischend. Als wir durch den Tempelkomplex von Wat Pho liefen, kamen wir aus dem Fotografieren gar nicht mehr heraus. Zu überwältigend war die weitestgehend menschenleere Anlage. Wann würde sich je wieder die Möglichkeit bieten? Im Anschluss wirken die vielen Fotos abschreckend. An dieser Stelle beneide ich professionelle Fotografen nicht, die sich durch Berge ähnlicher Aufnahmen klicken müssen, um die vermeintlich beste Auswahl zu treffen.

Doch nicht nur die Profis haben die Qual der Wahl. Touristen knipsen in atemberaubenden Tempo und uns beschleicht das Gefühl, dass das Foto zunehmend wichtiger wird, als das Erlebnis selbst. Als wir in der traumhaften Bucht von Atuh Beach auf Nusa Penida lagen und den Tag im Wasser und am Strand wie flüssiges Gold an uns vorüberziehen ließen, gönnten sich viele Besucher nach dem steilen Abstieg über die Klippen nur eine minimale Verschnaufpause, um sich dann selbst lächelnd in Szene zu setzen. Oft nahmen sie sich nicht einmal die Zeit, ins Wasser zu gehen oder sich einmal umzusehen, ganz ohne dabei ein Foto zu machen. Die nächste Attraktion wartete und musste dokumentiert werden.

Die Krönung des Selfie-Wahns erwartete uns jedoch auf Bali. Der Tempel Lempuyang darf auf keiner Tour durch den Osten der Insel fehlen (Road trip to capture the highlights of East Bali). Von Amed war es kein Problem schon um acht Uhr früh vor Ort zu sein, so dass wir wolkenlose Sicht auf den Vulkan Agung genießen konnten. Dass zu dem Zeitpunkt mehr Menschen vor Ort waren, als auf dem Goldenen Berg in Bangkok nur eine Woche davor, überraschte uns. Im Gegensatz zu den glänzenden und kunstvoll verzierten Tempel- und Palastanlagen wirkten die balinesischen Steinbauten geradezu grobschlächtig. Aber Vergleiche vermiesen einem nur das Leben und so lief ich über den offenen Tempelplatz, um die Atmosphäre in mich aufzunehmen. Plötzlich wurde ich hektisch aus dem Weg gewinkt.

Erst, als ich zur Seite abtrat, fiel es mir auf. 10 Meter vor dem sogenannten Himmelstor, durch das der höchste Berg Balis zu sehen ist, war eine richtige Kamerastation aufgebaut worden. Anscheinend riefen sie die Besucher anhand der Eintrittsnummern durch einen Lautsprecher zu ihrem Fototermin auf. Zwischen den Säulen positioniert gab es dann für Paare fünf Aufnahmen: Einmal in die Kamera blicken, einmal einander tief in die Augen schauen, einmal Rücken an Rücken und einmal zum Berg hinüberblicken. Das fünfte Foto war meistens ein Sprung oder eine andere freie Pose, wobei weder Küssen noch Yogahaltungen mit erhobenen Füßen erlaubt waren, wie ein Schild mit Piktogrammen aufklärte. Denn die unreinen Füße sollen nicht versehentlich von ungelenken Touristen in Richtung eines Heiligtums gestreckt werden.

Ich nutzte unseren Platz, um Fotos durch das Tor ganz ohne Menschen zu machen. Ein viel interessanterer Blick auf Agung bot sich mir jedoch weiter oben am Tempel auf einer Treppe. Andere Perspektiven und Motive zu wählen, macht es vielleicht doch möglich, Neues in die fotoübersättigte Welt zu schicken. Nur sollte man dabei nicht ganz vom Weg abkommen.

View from the stairs of temple "Pura Lempuyang" in East Bali, Indonesia, showing the court with selfie opportunities in the Heaven's Gate and view to mount Agung. On the left side is a stone statue looking into the picture.

Von Oktober 2011 bis November 2017 kamen mit 259 zu 50 fünfmal mehr Menschen bei dem Versuch ums Leben, ein herausragendes Selfie zu schießen als in Folge von Haiangriffen starben (N-TV). Obwohl mehr Frauen Selfies machen, sind 80 Prozent der Selfie-Opfer Männer. Bei Haiangriffen ist diese Tendenz ebenfalls eindeutig. Wenn Attacken von Haien nicht auf Verwechslungen zurückgehen, wie ein Surfer ähnelt Robbe an der Wasseroberfläche, werden Haiangriffe fast immer durch Risikoverhalten provoziert. Als Taucher Sperrfischen zu gehen und dabei die erlegte Beute quasi als Lockmittel am Körper zu tragen, wirkt in Gewässern mit Haien ziemlich blauäugig. An Land würde doch auch niemand freiwillig mit Steaks behängt, in das Revier von großen Raubkatzen eindringen, oder?

Abschreckende Beispiele für Momentaufnahmen unter Wasser

Bisher waren wir unter Wasser noch weitestgehend vor Selfies sicher, obwohl das vielleicht an den Orten lag, die wir uns aussucht haben. Als Guides müssen wir natürlich immer wieder Fotos von unseren Gästen machen. Je größer die Gruppe umso schwieriger, denn während der eine gerade ausatmet und hinter einer Wand aus Luftblasen verschwindet, steigt ein anderer langsam nach oben aus dem Bild und der nächste sinkt, weil er seine Flossen für einen Moment stillhält. Man will sie am Riff positionieren, damit es ein schönes Foto wird, aber nicht zu nah am Riff, dass es den Preis für solche Fotos zahlen muss.

Auf einer Safaritour hatten wir eine ältere Amerikanerin zu Gast, die den gesamten Tauchgang mit ihrer GoPro aufnahm, dabei zeigte die Kamera die ganze Zeit auf sie. Nachdem sie uns bestätigte, dass sie die Fische und nicht sich selbst aufnehmen wollte, griffen wir jedes Mal beherzt ein und drehten ihr die Kamera auf dem Stick um. Es soll Menschen geben, die sich tatsächlich die ganze Zeit selbst filmen. Ich frage mich, wer sich das alles jemals anschaut.

Wenigstens sind sie immer beschäftigt, denn manchmal ist alles, was man von Tauchern zu hören bekommt, eine Liste von extrem kleinen, extrem seltenen Crittern oder aber extrem großen Tieren, die sie zu sehen wünschen und normalerweise eben auch fotografieren oder filmen wollen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, während seines Taucherlebens gerne bestimmte Arten sehen zu wollen, nur sollte das nicht die ganze Erfahrung bestimmen.

Vollkommen fixiert auf bestimmte Arten verengt sich die eigene Wahrnehmung bis zur Unkenntlichkeit. Alles andere wird ausgeblendet, das gesamte Erlebnis hängt an dem seidenen Faden eines speziellen Funds. Warum soll man sich das antun? Nach einem Tauchgang von 70 Minuten voll gepackt mit pulsierenden Unterwasserleben präsentiert vor einem gesunden und vielfältigen Korallenriff aufzutauchen und zu murren, dass es nichts zu sehen gab!

Wenn das Objekt der Begierde dann doch noch vor der Linse auftaucht, sind alle guten Regeln des Tauchens und der Etiquette viel zu schnell vergessen. Deswegen ist man schließlich hierher gekommen und rechtfertigt dem Vordermann von hinten über die Schulter blitzen oder sich von oben langsam zum Motiv herabsinken lassen, um nur zwei Strategien zu nennen, mit denen Taucher um die besten Aufnahmen rangeln. Unter Wasser wird so einiges geboten. Während sich die Fische zurückziehen, um das Spektakel in sicherer Entfernung zu verfolgen, wird der Guide zum Dompteur.

Solange sich nur die Gäste selbst auf die Flossen treten, ist alles in Ordnung und lässt sich zurück an Land hoffentlich für die folgenden Tauchgänge klären. Doch wenn sich jemand für das eigene Bild am Riff vergreift, hört es auf. Sanft auf die Finger oder auf die Lebewesen zu deuten, die gerade im Griff des Fotografen sind, reicht meistens. Am besten noch eine Alternative anzeigen, wo sich die Person stattdessen stabilisieren kann. Wenn das nicht reicht, zücken wir unseren Zeigestab aus rostfreiem Stahl, halten und versetzen Flossen oder heben auch mal einen Taucher an.

Lange war ich hierbei zurückhaltend, doch der Geiersturzflug, mit dem sich der ein oder anderer Taucher über ein Motiv hermachte, erforderte, beherzt zuzugreifen. Das erste Mal, dass ich einen Fotografen hinten an seiner Tarierweste packte und von der Anemone, auf der er gerade im Begriff war mit beiden Händen inklusive Kamera zu landen, wegzog, war ich überrascht, wie leicht ich ihn in die Höhe ziehen konnte. Nach dem Tauchgang flüchtete der ältere Schweizer vor mir zum Bug. Ich hätte ihn unter Wasser richtig durchgeschüttelt.

Nachdem ich verstand, dass er es Ernst meinte, entschuldigte ich mich aufrichtig, denn das war ganz und gar nicht meine Absicht gewesen. Als ich mich reuig auf die Suche nach einer Lösung machte, konnte mir Yoeri unsere unterschiedliche Wahrnehmung sofort erklären. Wenn ich die Jacke packe und in eine Richtung ziehe, während der Mensch noch in eine andere unterwegs ist, macht er in der Tat einen Satz in seiner Tarierweste, insbesondere wenn sie nicht eng anliegt. Seitdem halte ich meine Taucher fest, bis ich spüre, dass ihre Bewegung abgebremst ist, bevor ich sie in der Weste sanft in eine andere Richtung manövriere.

Der zweite Versuch

Langsam aber sicher gab meine Pentax den Geist auf. Als ich darüber nachdachte, welche Art von Kamera sie ersetzen würde, kam auch die Frage der Unterwasserfotografie wieder ins Spiel. Über die Jahre hatte ich mir eine Reihe Kamerasysteme und Gehäuse angeschaut und immer wieder Gäste zu ihren Erfahrungen befragt, schließlich sollte es kein zweites Sea&Sea-Debakel geben. Letztlich entschied ich mich eine Olympus EM1, eine Systemkamera, in einem Unterwassergehäuse von Nauticam. Mein Plan war, statt Blitzen zunächst Yoeris Videolampen zu nutzen, da ich dachte, so hätte ich das Licht besser unter Kontrolle.

Mit den besten Absichten, ruhig und gesammelt, darauf vorbereitet mir Zeit zu nehmen und meine Bilder zu planen, ging ich mit meiner neuen Ausrüstung am Hausriff ins Wasser. Vom ersten Moment an lief alles schief. Das System war zu schwer und kippte andauernd nach vorne, was meine Tarierung völlig über den Haufen warf. Zusätzlich zog die Strömung gewaltig, die Sicht war mau und die Lichtsituation veränderte sich von einem Moment auf den anderen, wodurch meine feinsäuberlich eingestellten manuellen Werte auch mit Videolampen obsolet wurden. Zudem war ich nicht in der Lage, ein geeignetes Motiv, wie eine possierliche Nacktschnecke, zu finden. Alles andere schwamm vor mir weg.

Ich hätte das am liebsten auch getan, klammerte mich aber standhaft an das einzig Positive: Aller Anfang ist schwer und zum Glück ist niemand anderes da, um sich diesen Krampf anzusehen. Ich musste mir eingestehen, dass es selbst mit über 1.000 Tauchgängen eine totale Umstellung war, auf einmal eine relativ große Kameraausrüstung dabei zu haben, mit deren Rädchen und Knöpfen ich noch gar nicht vertraut war. Daher übte ich auf den nächsten Tauchgängen alle Einstellungen mit einem Weitwinkelvorsatz ohne die schweren Lampen im Flachwasser. Nur mit dem natürlichem Licht entlang der Riffkante zu arbeiten und ein Gefühl für die Kamera zu entwickeln, entspannte mich. Ich hatte ja schließlich Zeit und würde mich nach leichten Motiven umsehen. Leicht in dem Sinne, dass sie lange genug an Ort und Stelle blieben, bis ich meine Einstellungen herausgefunden hatte.

Unterwasserfotografen und -videografen

Mein Ratschlag, immer wieder vor allem an mich selbst: Nicht nur auf das Ergebnis schauen und sich dadurch stressen, sondern genug Zeit nehmen und Spaß an der Sache haben. Jedenfalls möchte ich den Prozess des Fotografierens unter Wasser genauso wie das Tauchen an sich genießen, weiterhin im Moment sein und mich überraschen lassen. Die Unterwasserwelt ist magisch, aber in der Natur sind keine Begegnungen vorprogrammiert. Darum halte ich immer mal wieder inne, schaue mich um und anstelle eines Bildes mache ich eine innere Momentaufnahme, werde Teil des Ganzen. Wenn man denn dann ein interessantes Lebewesen gefunden hat, sitzt das entsprechende Tier, häufiger als einem lieb ist, nicht in der Position, um das perfekte oder wenigstens ein Bild mit starker Komposition machen zu können.

Beim nächsten Mal wird es vielleicht anders aussehen. Es lohnt sich immer, sich Zeit zu nehmen, das Tier oder die Szene zu studieren, Verhalten kennenzulernen und Vertrauen zu gewinnen. Das unterscheidet am Ende ein gutes Portrait von einer Paparazzi-Aufnahme. Während Mantas gerne Blickkontakt aufnehmen, schaut man einer Schildkröte besser nicht direkt in die Augen und nähert sich eher seitlich als frontal. Direkt anvisieren und schnell darauf zuschwimmen, vertreibt ohnehin die meisten Meeresbewohner. Eigentlich wenig verwunderlich, wenn man sich überlegt, welche Energie wir bereit zum Schuss aussenden.

Oft heißt die erste Regel der Unterwasserfotografie: Komm nah an das Motiv. Und wenn du denkst, du seist nah genug, komm noch näher. Aus technischer Sicht macht es absolut Sinn die Wassersäule zwischen Linse und Objekt zu minimieren. Doch ich möchte dies modifizieren: Komm nur so nah, wie es deinen Tauchfertigkeiten entspricht. Eine wirklich große Hilfe ist es, rückwärts schwimmen zu lernen. Denn man muss ja nicht nur zum Motiv hin, sondern anschließend den Tatort auch wieder ohne sichtbare Spuren verlassen können.

Eins werden

Zum Ende meiner Zeit in Wakatobi wurde ich mehr und mehr eins mit meiner Kamera. Ich genoss es, mit ihr zu arbeiten, ohne viele Gedanken an Einstellungen verschwenden zu müssen. Auf Bali erreichte ich diesen Zustand nicht sofort, aber doch schneller als zuvor. Beruhigend zu wissen, dass selbst nach längerer Pause, nicht alles Wissen und alle Übung verloren gehen.

Genau wie im Leben wird es immer noch Raum zu weiteren Verbesserungen geben. Nicht nur dafür macht es Sinn, offen auf andere zuzugehen, um von ihren Erfahrungen sowie aus den eigenen Fehlern zu lernen. Perfekt ist eine Illusion, die uns davon abhält, etwas fertig zu bringen oder überhaupt erst anzufangen.

Am Ende entwickelt hoffentlich jeder seinen eigenen Stil, präsentiert seine eigene Sicht der Dinge, liefert seine persönliche Interpretation der Welt. Devocean Pictures ist eine Reise, die hoffentlich niemals enden wird. Weit davon entfernt perfekt zu sein, aber persönlich, ehrlich, interessiert und leidenschaftlich, damit wir wachsen, uns verbessern, verändern, verbinden, reflektieren und immer wieder verschiedene Ideen, Projekte und Menschen kennenlernen und vorstellen.

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