Weil ich immer wieder vom Fliegen träumte, beschloss ich irgendwann Tauchen zu lernen. Es war das Gefühl meiner Träume, das ich aus diesen in meine reale Welt holen wollte, es wirklich erleben: der Schwerkraft entkommen, den eigenen Körper ganz neu erfahren und in alle Richtungen lenken können, beinahe mühelos. Wie genau dies funktionierte, variierte von Traum zu Traum. Manchmal musste ich mit den Armen flattern wie ein Vogel, manchmal sprang ich und kam so bis unter die Decke, auf ein Dach oder noch höher hinaus in den Himmel und konnte dort verharren, solange ich wollte. In Träumen wie diesen war ich oft auf der Flucht. Auf der Flucht vor Menschen, die mir das Fliegen nicht gönnten. Glücklicherweise konnte ich der johlenden Meute immer entschweben.

Doch in den Träumen, die mich vollkommen faszinierten, von denen ich nicht genug kriegte, konnte ich mich einfach so mit purer Willenskraft und minimalen Körpereinsatz in die Luft schwingen und in alle Richtungen bewegen. Manchmal musste ich dann allerdings erst einmal die Welt retten und flog dafür wie Superman auf Aufputschmitteln. Diese Träume waren, wenn auch nicht entspannend, so doch berauschend. Ganz selten konnte ich auch fliegen, ohne dass ich verfolgt wurde oder jemanden verfolgen musste. So muss sich pure Glückseligkeit anfühlen, dachte ich, und ging in meinem Kopf alle Sportarten durch, die mir diesen Rausch im wahren Leben verschaffen könnten.

Bungeespringen hatte ich bereits mit zwanzig einmal ausprobiert und schloss es sogleich aus; viel zu restriktiv in der Umsetzung und die Bewegung lässt sich nicht wirklich lenken. Fallschirmspringen eröffnet da schon mehr Freiraum, doch geht es definitiv nur in eine Richtung. Paragliding oder Gleitschirmfliegen bieten noch einmal mehr Möglichkeiten, denn wenn man die Windsysteme kennenlernt und zu nutzen weiß, kann man sich ganz sicher frei wie ein Vogel fühlen. Doch das Gefühl meiner Träume war unmittelbarer, direkter, körperlicher.

Als ich das erste Mal in meinem Leben schnorcheln ging, 1999 in Ägypten, ahnte ich bereits, dass die große Freiheit unter Wasser liegen könnte. Das kam mir im Grunde sehr entgegen, denn dieses Element liebte ich schon von früh auf ganz besonders und fand es äußerst unfair, wenn ich verfroren mit blauen Lippen aus dem Wasser kommen sollte, während mein Bruder dort weiter plantschen durfte. Das Problem war nur, dass ich regelrechte Beklemmungen bekam, sobald ich den Atem anhielt um abzutauchen. Selbst während meiner kurzen Zeit im Schwimmverein sprang ich mit den Füßen voran vom Startblock und hielt mir dabei die Nase zu. Im Nachhinein betrachtet, wäre ein wenig Anleitung und Technik sicher ausgesprochen hilfreich gewesen. So war meine Schwimmkarriere jedoch von kurzer Dauer, eine belustigende Einlage für die Konkurrenz und ihre ergeizigen Eltern am Beckenrand.

Für ein paar Jahre träumte ich weiter, machte Abitur, half in einem sozialen Projekt in Chile, studierte Geographie in Bochum, jobbte bei der Deutschen Bahn und sparte fleißig für eine lange Reise. Nach dem Vordiplom, zum Glück konnte ich den zu der Zeit gerade beginnenden Bachelor- und Master-Studiengängen noch entgehen, war es so weit. Ich hatte meinen damaligen Freund von einer Reise nach Peru und Ecuador überzeugt. Als Geograph muss man schließlich die Welt erkunden und so zogen wir, mit Humboldt im Kopf, ohne festen Plan, wie lange wo bleiben, los. Da wir recht sparsam mit unserem Geld umgingen, kamen wir nach einigen Monaten zu dem Schluss, dass wir uns einen Abstecher auf die Galapagos Inseln leisten konnten. Ich war außer mir vor Freude.

Wir entschieden uns für einen achttägigen Trip auf einem kleinen Boot mit nur vier Kabinen und maximal acht Gästen, wobei wir das große Glück hatten, nie voll besetzt zu sein. Teils kamen nicht einmal alle Gäste auf die Ausflüge mit, aber das ist eine andere Geschichte. Die Landgänge waren zauberhaft, jede Insel versprühte ihre eigene Magie, bot andere Ausblicke und Tierbegegnungen. Außerdem gingen wir jeden Tag einmal schnorcheln. Ohne Neoprenanzug kühlte ich zwar schnell aus, blieb aber trotzdem jedes Mal so lange wie möglich im Wasser, um danach bibbernd und über beide Ohren strahlend in der Sonne zu liegen. Irgendwann fing eines meiner Ohren an zu schmerzen. Ich habe konsequent ignoriert, bis ich im Flieger zurück zum Festland saß, als es so sehr pochte, dass ich befürchtete, mein Kopf könne explodieren. Ich hatte wohl das Maskenband zu straff gespannt und das Ohr eingeklemmt, erklärte mir der Arzt in Quito.

Aber das war es wert. Das eindrücklichste war vielleicht ein Pinguin der pfeilschnell auf mich zuschoss. Ich begann mir gerade vorzustellen, wie er mit seinem spitzen Schnabel einfach in mir stecken bleiben würde, als er elegant abdrehte und weitere Kapriolen schlug. Am lustigsten war es jedoch mit den Seelöwen. An Land beeindruckten sie durch ihre Gelassenheit. Fotografierenden, jauchzenden Touristen zum Trotz lagen sie wie hingegossen, schienen einfach in sich zu ruhen, Seite an Seite mit Leguanen. Doch im Wasser bot sich ein ganz anderes Bild. Anmutig, schnell, beweglich, absolut frei sausten sie mit minimalen Bewegungen in jede Richtung. So stellte ich mir das Fliegen vor!

Es wäre interessant zu wissen, was sich die Seelöwen vorstellen, wenn sie uns sehen, wie wir behäbig an der Wasseroberfläche herum paddeln. Am neugierigsten waren die Jungtiere. Sie schwammen immer wieder direkt auf mich zu, um dann im letzten Moment unter mir abzutauchen. Vollkommen fasziniert und selbstvergessen, folgte ich ihrer Bewegung mit dem Kopf und bekam so eine gehörige Portion Salzwasser durch den Schnorchel. Und das passierte wirklich jedes Mal. Ob ich wollte oder nicht, mein Blick wurde vollkommen gebannt in die Tiefe gezogen, gefolgt von Prusten und Schnaufen an der Wasseroberfläche. Der jeweilige Seelöwe betrachtete das Ganze scheinbar amüsiert von der Seite. Ich weiß nicht, ob sie dies zu ihrer eigenen Unterhaltung machten oder ob sie mir vielleicht beibringen wollten unterzutauchen. In jedem Fall haben sie mich nicht nur nachhaltig beeindruckt, sondern auch davon überzeugt, dass ich tauchen lernen müsse. Treibende Kraft blieb das Gefühl meiner Träume, doch die Interaktion und Kontemplation der Unterwasserwelt verstärkte meinen Wunsch.

Zurück in Deutschland zogen wir nach Berlin, was dazu führte, dass das Studium von nun an ein wenig schleppender verlief und zudem kein gut bezahlter Nebenjob zu finden war. Berlin halt. Obwohl Freundinnen mir Geld für Maske und Schnorchel schenkten, rückte die Erfüllung meines Traumes für mehrere Jahre in weite Ferne. Bis ich mir ein Praktikum bei der NGO mit dem wundervollen Namen WEED an Land zog, was für World Economy, Ecology and Development e. V. stand. In meiner persönlichen Entwicklung hat es mich in vielfacher Hinsicht vorangebracht, gleichzeitig eröffneten sich berufliche Perspektiven. Aus dem Praktikum wurde ein Honorarvertrag, dann hatte ich auf einmal eine halbe Stelle – und endlich Geld. Das erste, was ich damit machte, war, einen Tauchkurs für mich und meinen damaligen Partner zu buchen.

Das hieß, Theorie zu Hause mit Buch und Video vorbereiten und dann ein Wochenende im Baerwaldbad, um neben Theoriestunden und -prüfung endlich ins Wasser zu kommen. An sich kann ich niemandem empfehlen, in einem Schwimmbad tauchen zu gehen. Man will ja gar nicht sehen, was hier alles im Wasser schwimmt! Doch Pflaster und Schamhaare waren mir egal. Ich war überglücklich, denn mit einem Atemregler im Mund und der Maske über dem Gesicht konnte ich endlich die Freiheit im Wasser genießen, die ich so lange gesucht hatte.

Die Übungen waren ein leichtes, da ich nicht nachdachte, nicht zweifelte oder Angst bekam. Ich war angekommen, wollte in meinem Gefühl baden, meine Freiheit auskosten. Zum Glück lag der Boden des Schwimmbeckens auf der einen Seite auf vier Metern oder so und ich habe den Notaufstieg nach Abwerfen der Gewichte sowie das freie Tauchen noch in lebhafter Erinnerung. Die Freiwassertauchgänge wollte ich dann an der Ostsee machen. Mein Partner hatte sich zunächst beschwert, dass sein Atemregler schwergängig sein, worauf ich vollkommen lösungsorientiert unsere Atemregler an der Ausrüstung umgebaut habe und problemlos mit seinem tauchte. Danach beklagte er sich über Probleme beim Druckausgleich, Erkältung und so. Der Tauchlehrer meinte, er könne die fehlende Elemente an der Ostsee nachholen. Und so schlug ich ab Mai jedes Wochenende vor, doch hoch an die See zu fahren und unseren Tauchkurs abzuschließen. Jedes Wochenende wurden irgendwelche Referate und Hausarbeiten vorgeschoben, wobei im Endeffekt selten etwas davon umgesetzt wurde, bis das Semester zu Ende ging. Auf meinem wundervollsten Festival aller Zeiten, was besagter Freund aus studientechnischen Gründen ebenfalls nicht besuchen wollte, beschoss ich, meine Träume von nun an alleine verfolgen zu wollen. Doch das hieß, eine neue Wohnung suchen, während ich außerdem meine Diplomarbeit schrieb, wodurch ich es nicht mehr schaffte, meine Freiwassertauchgänge im gleichen Jahr zu machen.

Nach dem Diplom und 14-monatiger Festanstellung war es endlich so weit, dass ich die Suche nach dem Gefühl meiner Träume wieder aufnahm. Ich war frei, hatte Geld gespart und war zu zu allem bereit. So fragte ich online im erweiterten Bekanntenkreis, ob jemand einen tropischen Ort, denn Sonne und Wärme hatte ich mir wirklich redlich verdient, empfehlen könne, an dem ich endlich meinen Tauchschein machen könnte. Gerade wenn die Auswahl endlos ist und eine fundierte Entscheidung auf Grundlage aller Komponenten zu treffen, daher zur reinen Sisyphusarbeit werden würde, gehe ich liebend gerne Empfehlungen nach. Erst einmal irgendwo beginnen und dann sehen wohin die Reise geht. Ein Weltenbummler verwies mich an seinen tauchenden Weltenbummlerfreund und der hatte seinen Open Water auf den Philippinen gemacht. „Wie eine Badewanne” war sein Kommentar zu den Bedingungen bei Alona Beach auf Panglao im Herzen der Visayas. Das klang hervorragend, auch wenn sein Kurs schon lange zurücklag. Zumal ich den Aufenthalt mit einer kleinen Recherche zu (erneuerbaren) Energien verbinden wollte, was auf den Philippinen problemlos auf Englisch möglich war. Darüber hinaus arbeitete ein netter NGO-Kollege beim Philippinenbüro und konnte mir Kontakte vermitteln.

Am Ende wurde es wesentlich mehr Tauchen als Recherchieren und das garniert mit einer Begegnung und Erfahrungen, die mein Leben komplett verändern sollten. Dinge passieren einfach, wenn man seinen Träumen hinterherjagt.

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