Auch wenn uns in Wakatobi nach Komodo die geliebten Mantas fehlten und Haie zu seltenen Gästen wurden, denken wir weiterhin voller Liebe und Dankbarkeit an die Vielfalt und das Leben an den Riffen. Korallenriffe sind komplexe Ökosysteme, die wir nicht nur um ihrer selbst Willen unter Schutz stellen sollten. Neben Wakatobi hat es uns in Bezug auf intakte Riffe die kleine Karibikinsel Statia angetan.

Tauchen in Wakatobi

Egal, wo man als Tauchguide unterwegs ist, immer wird man nach seinem Lieblingsplatz gefragt. Zu Beginn entwickelte ich durchaus Vorlieben für bestimmte Plätze, was im Wesentlichen damit zu tun hatte, dass ich mich dort leichter orientieren konnte oder dass sie auf die eine oder andere Weise aus der großen Masse hervorstachen. Doch nur einen Einzigen auszuwählen, ihn über alle Anderen zu erheben, fällt mir generell schwer. Es kommt auf so vieles an. Zuallererst: Wie sind die Bedingungen zu dem Zeitpunkt und wonach steht einem der Sinn. Als Guide kann ich den Gästen nicht einfach aufdrücken, wie ich am liebsten tauchen möchte, genauso wenig wie ich blind ihren Wünsche folge. Manchmal wollen Menschen etwas, was sie noch gar nicht können oder was es an dem entsprechenden Ort gar nicht gibt.

Wenn doch machten es die Wegbeschreibungen der Kollegen, so wir denn welche teilten, nicht unbedingt einfacher, spezifischen Wünschen einzelner Gäste gerecht zu werden. Von der Ankerleine 20 Minuten mit dem Riff rechter Schulter schwimmen und dann ist auf 18 Metern eine orangene Fächerkoralle, in der ein Denise-Pygmäenseepferdchen lebt. Danke auch. Die Riffe sind voll von diesen Fächerkorallen, die Wassertiefe schwankt mit den Gezeiten um die zwei Meter und die Strecke, die man in 20 Minuten zurücklegt, variiert je nach Strömung und Tauchgruppe. Ganz abgesehen davon, dass nicht immer alle an der Ankerleine beginnen, um die Gruppen am Riff zu verteilen. Ohne andere optische Anhaltspunkte führten solche Tipps eher dazu, mir den gesamten Tauchgang zu vermiesen.

Jeder nimmt die Landschaft anders wahr, orientiert sich an unterschiedlichen Markern im Gelände, selbst Zeichnungen von und für andere waren keine Erfolgsgarantie. Nachdem ich nach und nach die unterschiedlichen Abschnitte der endlosen Korallenwände besser einordnen konnte, kam ich zu dem Schluss, dass ich keine Lieblinge hatte, sondern es ein paar Plätze gab, an denen ich weniger gerne tauchen ging als an anderen. Natürlich sagte ich nicht, welche das waren, sondern dass ich mich auch dort immer wieder gerne überraschen lasse.

Der einzige Hammerhai, den ich bisher gesehen habe, kam an so einem Platz vorbei. Begeistert führte ich meine Hand senkrecht an die Stirn, um meinen Tauchern den Hai anzuzeigen. Nur einer schaute zu mir und dann zum Hai, der mit langer Schwanzflosse etwas abseits entlang des Riffs schwamm. Als er gemächlich abdrehte, erkannte ich dann die namensgebenden Ausbuchtungen zu beiden Seiten des Kopfes, bevor er in der Tiefe verschwand. Ich hätte mir daraufhin beide Fäuste an die Seiten der Stirn halten müssen, doch der Rest der Gruppe hatte sich nicht zu uns herumgedreht. Wild mit dem Zeigestab auf den Tank zu schlagen, vertreibt solche Tiere schneller, als Taucher gucken können.

Die ein oder andere außergewöhnliche Nacktschnecke zeigte sich gerade dort, wo ich nicht unbedingt tauchen gegangen wäre, wenn es der Bootsplan nicht vorgegeben hätte. Das ist einleuchtend, denn auf diesen unteren Rängen rangieren Riffe, deren Korallenreichtum weniger üppig ausfällt, so dass sie Schnecken und anderem Kleinzeug weniger Versteckmöglichkeiten bieten.

Underwater close-up of mushroom coral with whitish polyps extended. Rim in pink to purple blur. Prepared as postcard "Ich verstehe" and logo of Devocean Pictures.

Leben am Riff

Während es an den Topplätzen im Nationalpark Komodo in der Hauptsaison zu tumultartigen Szenen unter Wasser kommen konnte und ich danach aufmerksam kontrollierte, ob nicht eventuell ein Gast einem anderen Tauchguide folgte, verirren sich nach Wakatobi kaum andere Tauchboote. In den starken Strömungen rund um Komodo pulsierten die Rifffische, große Schwärme drehten ihre Kreise und die Hochseejäger schossen vorüber. Doch der Zustand und die Artenvielfalt der Korallen und anderer riffbildender Organismen, wie Schwämme oder Seescheiden, kann Wakatobi nicht das Wasser reichen.

Die Faszination des Tauchens in Wakatobi lag für mich weniger im Finden – und später auch Fotografieren – bestimmter Arten, als vielmehr im Kennenlernen und Verstehen des gesamten Ökosystems Korallenriff. Denn so intakt, so vielfältig hatte es auch Yoeri noch nirgends erlebt. An dem großen Ganzen vorbeizurauschen war genauso erfüllend, wie einen kleinen Riffabschnitt genau unter die Lupe zu nehmen. Statt eines Lieblingsplatzes hatte ich Lieblingstauchgäste, eigentlich alle, die sich wirklich für die Unterwasserwelt interessierten oder sich begeistern ließen, zu beobachten, zu lernen und den Moment zu genießen und darüber hinaus respektvoll mit dem Riff und seiner Bewohnern umgingen.

Was die Riffe schädigt

Zu viele Taucher schaden den Riffen. Selbst wenn alle ihre Tarierung gut unter Kontrolle haben und nichts anfassen, auch nicht nur ganz kurz für das eine Foto, kommt es immer wieder vor, dass man versehentlich eine Koralle mit der Flosse erwischt, so dass ein Stückchen abbricht. Je nach Art wächst der Organismus Koralle nur um wenige Millimeter, wie beispielsweise die massiven Blöcke der Hirnkorallen oder bis zu 20 Zentimetern pro Jahr im Falle von Geweihkorallen.

Auch wenn sich die meisten Tiere an die blubbernden Außerseeischen gewöhnen, stören wir den Lebenszyklus so mancher Art. Auf der Jagd nach der perfekten Aufnahme treten die Bedürfnisse der Tiere leider immer wieder in den Hintergrund. Pygmäenseepferdchen sind den ganzen Tag damit beschäftigt, Plankton durch ihr kleines Mäulchen einzusaugen. Um grellen Blitzen und monströsen Kameras zu entkommen, drehen und wenden sie sich in ihrer Fächerkoralle, so dass sie nicht zum Fressen kommen.

Wir merken nicht immer, wenn es an der Zeit ist, sich zurückzuziehen und einem Tier seinen Raum zu lassen. Schlimmer wird unser Flossenabdruck, wenn im Riff geankert wird, Müll über Bord geht oder Öl ausläuft. Rund um Alona Beach sprachen die philippinischen Guides in ihren Briefings für die Tauchgänge von Korallen, aber wenn es darum ging, den Anker auszuwerfen, wurden dieselben Korallenblöcke zu Steinen degradiert.

Völlig verquer läuft es beim Dynamitfischen. Oft wird gesagt, dass den Fischern nicht klar wäre, was die selbstgebauten Sprengstoffe unter Wasser anrichten, da sie nur freudig die Fische einsammelten, die anschließend an der Wasseroberfläche treiben. Die Detonation betäubt oder zerfetzt die Schwimmblase aller Fische, wobei nicht alle nach oben steigen und auch nicht alle Arten eingesammelt werden. Noch schlimmer als dieser Kollateralschaden ist jedoch die Zerstörung des gesamten Habitats.

Auf dem instabilen Schutt toter Korallenstücke kann kein neues Korallenriff entstehen. Fische und andere Bewohner verlieren ihren Unterschlupf und ihre Nahrungsgrundlage. Dass die Fischer diese Praxis nicht an den eigenen Riffen einsetzen, sondern dafür zu Atollen oder Nachbarinseln fahren, lässt mich an ihrer kindlichen Unschuld zweifeln. Auch wenn diese Praxis mittlerweile in fast allen Ländern der Welt verboten wurde, haben wir selbst in Nationalparks noch Detonationen gehört.

Die größte Zerstörung leisten jedoch nicht die lokalen Fischer, die ihre Familien ernähren wollen, sondern die Fischereiflotten, die die Ozeane für die Großabnehmer der Welt durchkreuzen. Auch in den deutschen Gewässern pflügen Schleppnetze den Boden um, um Plattfische oder Garnelen zu fangen. Zurück bleibt eine Wüste, gesät wird nicht. Offiziell darf der überschüssige Beifang, meist sehr viel mehr als die eigentliche Zielsorte, nicht wieder über Bord geworfen werden. Konkret kann das niemand so genau kontrollieren. Mit kilometerlangen Leinen wird nach Hochseefischen geangelt, doch an den Haken verenden nicht nur Schildkröten, die zum Atmen an die Wasseroberfläche müssen, sondern auch Haie, die in Bewegung bleiben müssen, um sich über die Kiemen mit Sauerstoff versorgen zu können, und viele andere Meeresbewohner.

Underwater close-up of pink puff ball sponge (Oceanapia sagittaria), a small sponge growing on a stalk forming a round, semi-transparent pink ball, almost like a flower, second one as blur behind. Prepared as postcard "Ich sehe" and logo of Devocean Pictures

Aus dem Gleichgewicht

Korallenriffe sind nährstoffarm und die verschiedenen Arten gut aufeinander abgestimmt. Diese natürliche Balance gerät aus den Fugen, wenn auf einmal von außen andere Stoffe eingebracht werden oder in die Zusammensetzung der Arten eingegriffen wird. Nährstoffe von Abfällen, Abwässern oder Düngemitteln regen das Algenwachstum an. Wenn zugleich Algen fressende Arten, wie Papageienfische oder Seeigel, stark dezimiert wurden, können Algen innerhalb kurzer Zeit Korallen überwuchern und ihnen so das Sonnenlicht für die Photosynthese nehmen.

Auf Sint Eustatius hat die Organisation STENAPA (St. Eustatius National Parks Foundation) deshalb begonnen, Seeigel, die sich zuhauf im Hafen tummeln, in Gehegen gezielt zum Grasen an andere Stellen im Nationalpark zu bringen. Im Pazifik kommt es immer wieder zu explosionsartigen Ausbrüchen der Dornenkrone, einer Seesternart, die sich von Korallen ernährt. Ihr natürlichen Feind, das Tritonshorn, sammelten die Menschen jahrhundertelang als Signalhorn und Dekoration. Als dieses große Schneckenhaus Reisenden und Sammlern ins Auge fiel, brachte die Jagd nach dem schönen Souvenir die Bestände im Pazifik an den Rand des Aussterbens.

Fischen mit Cyanid sorgt für Nachschub in Aquarien weltweit. Nicht alle Arten vermehren sich in Gefangenschaf und manchmal ist es einfach kostengünstiger Nachschub aus der freien Wildbahn zu besorgen. Mit Cyanid sollen die Fische betäubt werden, um sie dann in kleine Tütchen abgepackt auf ihre Reise um die Welt zu schicken, die nur ein Teil dieser Tiere überlebt. Das Cyanid kann Jungfische und kleinere Arten sowie andere Meeresbewohner gleich an Ort und Stelle in die ewigen Jagdgründe schicken.

Andere Arten eroberten im Schlepptau der Menschen neue Gewässer, wie die Rotfeuerfische in der Karibik, die sich dort ungestört von Fressfeinden über ganze Populationen von Rifffischen hermachen. Als wir auf Sint Eustatius arbeiteten, bildete uns STENAPA zu Rotfeuerfischjägern aus. Mit kleinem Sperr und Gummiband übten wir zunächst an Land. Bei meinem ersten und einzigen Einsatz unter Wasser zögerte ich, da mir die Tiere trotz allem leid taten. Natürlich war mir klar, dass sie viele andere Arten gefährdeten, aber ich wollte trotzdem nicht für ihren Tod verantwortlich sein. Yoeri übernahm das und bekam zum Dank Filets dieser Räuber mit nach Hause.

Als wir in Wakatobi Jagd auf Dornenkronen machten, ging es mir erst genauso. Ich zeigte sie den Kollegen an, damit sie die Essiglösung in die großen Seesterne spritzten, welche diese von innen heraus zersetzt. Doch nachdem ich sah, wie diese gefräßigen Viecher ganze Schneisen durch die Riffe fraßen, griff auch ich beherzt zu Container und Spritze, um gegen das Ungleichgewicht ins Feld zu ziehen.

Underwater close-up of an encrusting sponge: Orange with veins and opening (pore) in the centre. Prepared as postcard "Ich fühle" and logo of Devocean Pictures.

Unter Schutz stellen

In unserer Weltsicht stehen wir Menschen nicht an der Spitze der Schöpfung oder der Evolution. Genauso wenig wie über oder neben der Natur, vielmehr sind wir genau wie jede andere Art in das komplexe Ökosystem Erde eingebunden. Da alles miteinander verbunden ist, können wir nicht auf Dauer schalten und walten, wie es uns beliebt. Übernutzung und Zerstörung fallen früher oder später auf uns selbst zurück. Somit wird Riffschutz zu Selbstschutz. Denn gesunde Riffe garantieren Fischreichtum und Artenvielfalt im gesamten Ökosystem Meer, schützen Küsten bei Stürmen oder Tsunamis und haben jenseits des Tourismus viel für Forschung und Entwicklung zu bieten.

Oft werden Umwelt- und Naturschutz als Einschränkung wahrgenommen, Regeln, die direkt in die wirtschaftlichen Tätigkeiten oder den persönlichen Lebensstil eingreifen. Es wird auf Verbote gepocht und gepredigt, dass Verzicht geübt werden müsse. Dabei gewinnen wir alle, wenn wir die Natur und ihren Schutz anders bewerten, wenn wir ihr Raum geben, echte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und Verantwortung übernehmen.

Es gibt viele Resorts und Anbieter, die sich einen grünen Anstrich geben, ohne dass den Worten Taten folgen. Doch es gibt auch solche, die unglaublich innovativ und aktiv sind, immer neue Ideen entwickeln, wie sie ihren Energie- und Ressourcenverbrauch sowie die Entsorgung und andere Eingriffe in die Umwelt minimieren können. Andere haben vielleicht nicht alle ihre Umwelteinflüsse im Blick, aber setzen Naturschutz erfolgreich um.

Gemeinschaftliches Schutzprogramm der Riffe

Den besten privat initiierten Riffschutz haben wir bisher in Wakatobi erleben dürfen. Während früher das Verständnis vorherrschte, dass Schutzgebiete ohne menschliche Einflüsse sein sollten, setzen moderne Konzepte auf unterschiedliche Nutzungszonen, auf Teilhabe und Kooperation. Dass sich der Schutz der Riffe langfristig nicht gegen den Willen der lokalen Bevölkerung durchsetzen ließe, war Lorenz Mäder bereits bei der Gründung des Wakatobi Dive Resorts klar.

Zusammen mit den Bewohnern der kleinen Insel Tolandono entwickelte er in den 1990er Jahren das „Gemeinschaftliches Schutzprogramm der Riffe”. Die Grundidee ist, die Riffe zum Tauchen von der Gemeinde, welche die traditionellen Nutzungsrechte besitzt, zu leasen. Im Gegenzug dafür, dass die Bevölkerung auf zerstörerische Fischereipraktiken verzichtet und bestimmte Bereiche als absolute Schutzzone ohne Nutzung akzeptiert, erhalten die beteiligten Gemeinden jährliche Einnahmen, die über die Tauchgäste generiert werden. Zudem entstanden nach und nach über 200 Arbeitsplätze für die umliegende Bevölkerung.

Lorenz versprach den Gemeinden außerdem, dass sich durch Schutzzonen die Fischbestände insgesamt erholen würden. Zu Beginn waren die Fischer skeptisch, doch über die Jahre merkten sie, dass ihnen bestimmte Fische wieder häufiger ins Netz gingen. Nach und nach schlossen sich immer mehr Gemeinden der Nachbarinsel Tomia und Lintea an, so dass heute über 30 Kilometer Riff unter Schutz stehen. Zusätzlich zu den Tauchbooten des Resorts gibt es ein lokale Patrouille, die sich darum kümmert, dass Fischerboote aus anderen Teilen der Inselgruppe Wakatobi die Schutzzonen ebenfalls respektieren. Der Name Wakatobi setzt sich aus den zwei Anfangsbuchstaben der vier größten Inseln dieses Archipels im Südosten Sulawesis zusammen: Wangi-Wangi, Kaledupa, Tomia und Binongko.

Das gesamte Gebiet ist auf dem Papier indonesischer Nationalpark, doch den besten Schutz genießen die Riffe des „Gemeinschaftlichen Schutzprogramms”. Die umliegenden Gemeinden erhalten darüber hinaus Unterstützung für Schulen und Krankenhäuser, so dass das Resort und seine tauchende Gäste nicht als Eindringlinge wahrgenommen werden, die den Menschen vorschreiben, wie sie zu leben hätten, sondern als Partner, die über den Erhalt der natürlichen Ressourcen die Zukunft dieser abgelegenen Inselgruppe mitgestalten möchten. Wann immer ich Gäste hatte, die schon früher einmal in Wakatobi gewesen waren, wollte ich wissen, wie sich die Riffe entwickelt hätten. Alle waren der Ansicht, dass sie nun gesünder und artenreicher seien, dass es mehr und größere Fische gäbe. Der gemeinsame Schutz zeigt Wirkung.

Underwater close-up of the arm of a crinoid / feather star in yellow with orange in the tips of each feathery tentacle and black towards the arm itself. Prepared as postcard "Ich mache" and logo of Devocean Pictures.

Schutz zum Mitmachen und Forschungskooperationen

Mangelnde Schutzmaßnahmen waren einer der Gründe, warum wir Panglao (Philippinen) verlassen wollten (Endlich richtig abtauchen). Ich brachte damals die Karibik ins Spiel, denn ich hatte wild-romantische Traumbilder im Kopf, die sich um weiße Strände, üppiges Grün und fruchtige Drinks drehten, und war mehr als bereit für neue Unterwasserwelten. Yoeri winkte ab: „Überbewertet. Überteuert. Überfischt und überhaupt niemals so artenreich gewesen wie das pazifische Korallendreieck.” Doch ein paar Perlen für Taucher gäbe es sicher auch in den Weiten der Karibik, beharrte ich.

Bereits 1996 wurde um Sint Eustatius, oft Statia genannt, ein Meeresschutzgebiet eingerichtet. 1998 folgte der zweigeteilte Nationalpark an Land. Quill im Süden und Boven im Norden der Insel gelten als der erste Nationalpark der niederländischen Antillen. Diese niederländischen Überseegebiete, die sechs Karibikinseln Aruba, Bonaire, Curaçao, Sint Maarten, Saba und Sint Eustatius, bildeten zusammen ein Land im Königreich der Niederlande. 1985 schied Aruba aus dem Verbund aus und bei einer Abstimmung 2010 wählten Curaçao und Sint Maarten ebenfalls die volle Autonomie, während die anderen Inseln beschlossen, „Besondere Gemeinden” als karibisches Teilgebiet der Niederlande zu werden.

Beherzt schrieb ich damals alle Tauchzentren auf Bonaire, Saba und Sint Eustatius an, doch niemand brauchte Tauchlehrer. Ein Jahr später meldeten wir uns auf ein Stellengesuch, obwohl es nur für eine Person ausgeschrieben war, wurden wir uns einig. So zogen wir nach Sint Eustatius, das meinen Karibikklischees zwar nicht standhalten konnte, aber dafür mit Naturschutz und Forschung auftrumpfen konnte.

Die NGO STENAPA, die für den Erhalt und die Pflege der Nationalparks zuständig ist, erklärte uns, dass der Meerespark von der Hochwasserlinie bis auf 30 Meter Tiefe rund um die Insel reiche. Im Norden und im Süden gibt es zwei absolute Schutzzonen, in denen nicht gefischt und geankert werden darf. Ohnehin sind fast alle der 36 Tauchplätze, von Korallenriffen und Wracks bis zu Seegraswiesen, mit Ankerleinen ausgestattet, um deren Instandhaltung sich die Ranger und ihre freiwilligen Helfer kümmern. Wir berichteten der täglichen Patrouille, wo wir Gruppen von Rotfeuerfischen gesehen hatten, sie kümmerten sich darum und erhoben fleißig weitere Daten, um den Meeresschutz rund um die Insel stetig zu verbessern.

Mehr noch als Freiwillige für STENAPA sowie das St. Eustatius Center for Archaeological Research (SECAR) kommen Studenten auf die Insel, um für ihre Abschlussarbeiten zu forschen. Einmal pro Woche stellte einer von ihnen ein Projekt im Wissenschaftscafé vor, um es mit anderen Studenten und allen Interessierten Statias zu diskutieren. Gerne erweiterten wir bei einem Glas Wein unseren Horizont und hielten derweil nach Tauchschülern Ausschau.

Auf Long Island hatten wir begonnen unsere Open Water Tauchkurse um einen fünften Tauchgang zu erweitern, der sich voll und ganz auf die Tarierung fokussierte. Statt mit den Tauchzentren auf anderen Inseln der Andamanen über den Preis zu konkurrieren, wollten wir mit Qualität punkten. Diese Idee stieß bei den Besitzern auf Sint Eustatius auf taube Ohren. Über den Preis kamen die jungen Leute zu unserem Tauchzentrum und dann sorgten wir unter der Hand dafür, dass sie den fünften Tauchgang bekamen, um nicht versehentlich die geschützte Unterwasserwelt zu beschädigen.

Promo video: St Eustatius National Parks Foundation (land)
Voriges 1 von 1 Nächstes
Voriges 1 von 1 Nächstes

Willkommen im Schildkrötenhotel

Aushängeschild der maritimen Schutzbemühungen sind neben den friedlichen Ammenhaien, die langsam aber sicher lernen, dass sie die Rotfeuerfische nicht nur von den Speeren der Freiwilligen fressen können, die Suppenschildkröten. Wegen ihres grünen Fetts wird Chelonia mydas auch Grüne Meeresschildkröte genannt. Dies ist nur eine der vier Schildkrötenarten, die auf dem langen Sandstrand von Zeelandia ihre Eier ablegen. Die Lederrückenschildkröte sowie die Echte und die Unechte Karettschildkröte ergänzen das Feld.

Auf der Roten Liste gefährdeter Arten von der Weltnaturschutzunion International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) wird die Grüne Meeresschildkröte als gefährdet eingestuft, kommt aber rund um Statia sehr häufig vor. Mal dösen sie in großen Fassschwämmen, mal schwimmen sie entspannt am Riff entlang, mal fressen sie genüsslich auf den Seegraswiesen. Nie zeigen sie Angst vor Tauchern. Bei Nachttauchgängen an dem Wrack der Chien Tong konnten wir uns nicht satt sehen an den Schildkröten, die sich um die besten Schlafplätzchen rangelten. Unaufmerksame Taucher, die Nachzüglern den Zugang durch die Fenster versperrten, rempelten diese gnadenlos aus dem Weg.

Ausgewachsene Grüne Meeresschildkröten ernähren sich von Seegras, wodurch sie zur ständigen Verjüngung der Seegraswiesen beitragen. Eine gesunde Population von Riffhaien sorgt ihrerseits dafür, dass die Schildkröten die Felder nicht überweiden und damit langfristig ihre eigene Lebensgrundlage zerstören könnten. Damit Artenschutz wirklich erfolgreich ist, müssen diese Zusammenhänge im Ökosystem berücksichtigt werden und, wie auf Statia oder in Wakatobi, Gebiete als Ganzes unter Schutz gestellt werden. Teil der Lösung zu sein, beflügelte uns, unsere Gäste nicht nur zu besseren Tauchern machen, sondern Schutzgedanken in Herzen und Köpfen verankern zu wollen: Natur- und Artenschutz nicht gegen den Willen der lokalen Bevölkerung, sondern mit ihnen, ja für sie zu entwickeln.

Underwater close-up of Blue Club Tunicate (Rhopalaea crassa): transparent blue sea squirt with golden rim on the siphons prepared as postcard with text "Ich spreche" and logo of Devocean Pictures

Weltweiter Meeresschutz

Die Entwicklung eines weltweiten Schutzsystems über sogenannte MPAs (Marine Protected Areas) hinkt dem Schutz an Land noch hinterher. Das World Resource Institute (WRI) schätzt, dass es weltweit einen Flickenteppich aus mehr als 400 MPAs gibt. Klingt erst einmal gut, doch über 40 Länder haben keinerlei Schutzzonen für ihre Korallenriffe eingerichtet und 150 dieser MPAs sind weniger als einen Quadratkilometer groß.

Obwohl sich die UNO zum Ziel gesetzt hat, bis 2020 zehn Prozent der Meere unter Schutz zu stellen, dümpeln wir weltweit je nach Zählweise zwischen 2-5,7 Prozent. Manche Parks existieren nur auf dem Papier, anderen fehlt es an Ressourcen, um Nutzungspläne zu entwerfen und den Schutz zu gewährleisten. Wissenschaftler fordern 30 Prozent der Meere unter Schutz zu stellen, um den verschiedenen Ökosystemen und Arten genügend Raum zur Erholung zu geben (Worldatlas).

Auf dem Papier steht Deutschland gut da, denn 50 Prozent von Nord- und Ostsee stehen 2020 unter Schutz. Doch innerhalb dieser Gebiete findet weiterhin industrielle Fischerei sowie Sandabbau statt. Dazu setzen Stickstoff und Phosphor, die aus der industriellen Landwirtschaft über die Flüsse in die See gelangen, sowie der Plastikmüll auch in Europa den Meeren zu (Rubbish wave: Looking for solutions for small islands).

Unser blauer Planet braucht dringend eine Atempause. In Bezug auf den Gesundheitsschutz haben Regierungen im Jahr 2020 unter Beweis gestellt, dass sie durchaus auf Wissenschaftler hören und sogar bereit sind, politische Entscheidungen am Worst Case Scenario auszurichten. Schutzgebiete an Land und im Meer sind Gesundheitsschutz für die Erde.

Postcard with warm regards from Devocean Pictures: Underwater wide-angle shot with natural light only at the house reef of Wakatobi (Indonesia). Reefscape with heart-shaped sponge in black and white, only a little butterflyfish at the tip of the sponge in yellow as well as the text "Dive into life"

Kommentar verfassen