Eigentlich wären wir schon längst wieder in Europa. Es kam anders und solange wir nicht im Flieger nach Amsterdam sitzen, will darüber nicht weiter nachdenken und ansonsten einfach keine Pläne mehr machen. Vorfreude ist schön, aber bleibt in Zeiten wie diesen besser unkonkret. Momentan sind wir bei Rückflug Nummer 5. 

„Et kütt, wie et kütt,” wie der Rheinländer zu sagen pflegt. Nun sind wir wieder in Amed und obwohl es im März an der Zeit war zu gehen, fühlt sich jetzt an wie nach Hause kommen. Fehlt nur noch ein kurzer Besuch in Sanur vor dem Abflug, mit Essen beim Thai und Rotwein auf der Dachterrasse, so dass sich der Kreis schließt.

Zuhause ist, wo ich bleib, wenn ich geh

Als im März alle Regierungen der Welt ihre Bürger aufriefen, nach Hause zu gehen und dort zu bleiben, zog es uns nicht nach Europa. Immerhin hatten wir Bali zu unserem temporären Zuhause auserkoren und daran würde weder ein Virus noch weltweite Reisewarnungen etwas ändern. Schließlich waren wir schon hier. Nach Hause, im Sinne von Herkunftsort oder Heimat, zu fliegen, um uns dort auf unbestimmte Zeit einsperren zu lassen, klang nicht sonderlich verlockend.

Wenn man Zuhause nicht nur begrenzt auf eine Wohnung, in der man lebt und sich (hoffentlich) wohlfühlt, sondern als Wohnort begreift, geht es auch um das Umfeld. Zuhause umfasst all die Beziehungen und Gefühle, die uns mit einer Region und den dort lebenden Menschen verbinden. Genau das wurde durch all die Maßnahmen zur physischen Distanzierung radikal gestört. In seiner ursprünglichen Form gab es unser Zuhause monatelang gar nicht.

„Zuhause ist, wo ich bleib, wenn ich geh,” stand auf einer von meiner Oma getöpferten Uhr, die im Schlafzimmer meiner Eltern hing. Als Kind habe ich nicht verstanden, was damit gemeint ist. Warum würde man sein Zuhause verlassen und wie konnte man gleichzeitig bleiben? Erst als ich nach dem Abitur zur freiwilligen Arbeit in ein Projekt nach Chile ging, wurde mir klar, dass der Aufenthaltsort nicht automatisch zu einem Zuhause wird und dass ich durchaus mehrere Zuhauses haben konnte.

Als ich später mit einer Freundin zusammen in Dortmund in eine Wohngemeinschaft zog, stritten wir uns auf einer Party heftig, da sie sich angegriffen fühlte, dass ich die Wohnung meiner Eltern noch immer aus mein Zuhause bezeichnete, wo ich doch mit ihr zusammen wohnte. Wir sind an jenem Abend nicht zusammen nach Hause gegangen, aber im Nachhinein tat mir leid, dass sie in ihrer Welt auf ein Zuhause begrenzt war.

Vorübergehend geschlossen

Was sollen wir in Deutschland oder den Niederlanden, wenn wir dort niemanden besuchen können. Alleine sein können wir auf Bali im Grunde genommen viel einfacher. Bereits in unseren ersten zwei Monaten unseres Aufenthalts waren wir überwiegend für uns, sind sowohl geübt in räumlicher Distanzierung in der Ferne als auch darin, soziale Kontakte nach Hause aufrecht zu erhalten.

Interessanterweise gab es eine Phase, in der sich auf einmal der Kontakt zu vielen Bekannten und Verwandten auf der ganzen Welt intensivierte. Einerseits versicherten wir uns alle gegenseitig, dass es uns gut ging, andererseits waren jetzt alle zu virtuellen Kontakten gezwungen, wodurch der Umstand, wo sich jemand befand, auf einmal an Bedeutung verlor. Mittlerweile ist dieses Interesse wieder abgeflaut.

Wenn alle kulturellen Stätten, alle Orten zum Feiern, Schlemmen und geselligem Beisammensein, alle Freizeitattraktionen und überhaupt Zusammenkünfte aller Art untersagt sind, fehlt all das, worauf wir uns freuen, wenn wir nach Hause kommen. Unternehmungen und Genüsse, die es auf unseren einsamen Inseln so nicht gibt und die wir mit unseren Familien und Freunden zusammen erleben möchten.

Sich Zuhause fühlen

Mit Yoeri bin ich überall auf der Welt Zuhause. Zusammen erschaffen wir das Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit, welche eine Bleibe erst zu einem wirklichen Zuhause machen. Natürlich fühlen wir uns nicht überall gleichermaßen wohl, schaffen es aber meistens, Orte zu finden, an denen wir uns für eine Weile gut einrichten können und im Zweifelsfall nur auf die positiven Dinge schauen. Auf den Andamanen in Indien war unserer Zimmerlein schon sehr gewöhnungsbedürftig, aber die Menschen und die ganze Insel sind mir so sehr ans Herz gewachsen, dass das Tree House zu einem Zuhause geworden ist.

Damit es sich auch räumlich wie ein richtiges Zuhause anfühlt, brauchen wir gar nicht so viel. Ich weiß noch genau, dass ich vor Freude fast geplatzt wäre, als wir im Januar in das kleine Häuschen, genau genommen die eine Haushälfte, am Strand von Amed eingezogen sind. Es war ein allumfassendes Glücksgefühl, dass meine Brust anschwellen ließ, meinen Kopf ausfüllte und in meinen ganzen Körper vibrierte. Danke, danke, danke für diesen besonderen Ort, schickte ich noch tagelang ans Universum.

Auf Zehenspitzen, strahlend wie ein Honigkuchenpferd, lief ich durch unser kleines Reich und packte zufrieden unsere Taschen aus. Sogar die Tauch- und Kamerausrüstungen fanden ihren Platz. Wir bekamen einen zweiten Schreibtisch, so dass wir an beiden Seiten der Fensterfront am Eingang sitzen und über die Veranda mit ihren Sitzsäcken in den Garten gucken konnten. Hinter der kleinen Gartenmauer liegt der dunkle Sandstrand und dann das Meer. Zusammen mit dem Bad und der Küchenzeile sind es keine 30 Quadratmeter, schätze ich. Es reicht vollkommen.

Zuhauselos, aber visafrei

Leider lag das Meer oft aufgewühlt und kaffeebraun vor unserem Gartentörchen. Reihenweise Gewitter zogen über uns hinweg. Ich mag es, auf der Veranda zu sitzen, wenn es regnet, selbst am Abend ist es im leichten Sommerkleid noch warm genug und die Regentropfen, die auf das Dach trommeln, erzeugen eine beruhigende, heimelige Atmosphäre. Yoeri sieht es praktischer, sie treiben die Nachbarn nach drinnen und dämpfen den Lärm. Das tut auch die tosende See.

Je vertrauter das Umfeld wurde, umso weniger gefiel uns die Vorstellung, länger zu bleiben und noch weniger bleiben zu müssen. Den ganzen Tag im Haus zu bleiben, würde sich hier nicht richtig anfühlen. Das Fernweh klopfte bereits sacht an die Glasfront, doch die Entscheidung fiel uns nicht leicht, da über allen Inseln des Landes der Schleier der Ungewissheit lag. Was passiert in Bezug auf Corona?

Die indonesische Regierung reagierte ihrerseits sehr großzügig und erstellt seit Ende März für alle gestrandeten Ausländer im Land eine „Aufenthaltserlaubnis für den Notfall” – automatisch und kostenlos. Neu ist dieses System nicht, aber es kam noch nie so vielen Menschen über einen so langen Zeitraum zu Gute. Indonesien hat immer wieder mit Katastrophen zu kämpfen. In den nun gut vier Jahren, in denen wir das Land kennengelernt haben, waren es diverse Erdbeben und Vulkanausbrüche, die teilweise Tsunamis auslösten und den Flugverkehr immer wieder, manchmal für mehrere Tage, lahmgelegten.

Uns war klar, dass es länger dauern könnte, wenn auf einmal alle Regierungen der Welt meinen, ihre Bürger vor sich selbst schützen zu müssen. Aber ein oder zwei Monate länger auf Bali zu bleiben, erschien uns allemal besser als ein bis zwei Monate früher zurückzufliegen. Am Ende zogen wir in den Nordwesten Balis nach Pemuteran (Warum auf Bali das Toilettenpapier nicht knapp wird).

Zuflucht

Als Unterschlupf für den Lockdown hatten wir es gut getroffen: Riesiger Garten, Pool und nettes Häuschen, in dem wir zur Abwechslung sogar einen abgetrennten Wohnbereich hatten. Doch die Möglichkeit richtig zu kochen, fehlte uns. Wir behalfen uns mit unserem Wasserkocher in dem offenen Außenbad, so gut das eben möglich ist. Die Küche des Resorts durften wir auch dann nicht nutzen, als wir für einen Monat die einzigen Gäste waren.

Schon bei der Besichtigung erklärten wir, dass wir kein Problem mit dem gewünschten Distanzieren hätten, wir würden uns sowieso ganz gerne von Menschen fern halten. Vielleicht hat die Besitzerin ausgerechnet dies als Scherz aufgefasst, wobei ihr der Sinn für Humor ansonsten vollkommen abging. Zu Beginn ließ ich mich noch gerne auf ein Gespräch mit ihr ein. Ich dachte, sie wäre vielleicht so redebedürftig, da gerade erst die Nebensaison zu Ende gegangen und sie einfach ein wenig einsam war.

Leider reisen die zwei anderen Gäste nach gut drei Wochen ab. Nicht dass wir viel Kontakt zu ihnen hatten, aber sie gingen vormittags mit den Besitzern zum Apnoetauchen, so dass diese eine weitere Einnahmequelle und wir das Resort für uns alleine hatten. Jetzt gerieten wir in ihr Visier. Schon klar, dass die Tourismusbranche und damit nicht allein die Fluggesellschaften, Hotelketten und großen Reiseveranstalter der Herkunftsländer, die dort um die finanziellen Unterstützungen buhlen, sondern auch alle kleinen Anbieter vor Ort mit der Situation zu kämpfen haben, zudem erzählte sie lang und breit über ihre Lage. Aber wie sie darauf kamen, dass wir zu ihren Resortpreisen tauchen gehen würden, ist mir schleierhaft. Uns will in diesem Moment schließlich auch niemand beauftragen, um Fotos, Videos, Texte oder Übersetzungen zu erstellen, so dass wir lieber weiterhin schwimmen gegangen sind (Nach Gefühl: Im Wasser neue Wege beschreiten).

Heimweh

Unser Abflugdaten rückte näher. Obwohl wir davon ausgegangen waren, dass es unwahrscheinlich wäre, dass unser Flug am 11. Mai stattfinden würde, hoffte ich auf einmal nichts inständiger als das. Es standen erste Lockerungen der Corona-Beschränkungen in Deutschland in Aussicht, so dass wir wenigstens alle Menschen Zuhause in ihrem Garten besuchen durften, ohne dass die Polizei dazwischen gehen würde. Ich freute mich, auf die einfachen Dinge, wie Vollkornbrot belegt mit altem Gouda und ein Glas Rotwein dazu sowie eine vollständig eingerichtete Küche mit Backofen für Kartoffelaufläufe, außerdem auf Quark, Buttermilch, gefüllte Oliven, Whiskey und so vieles mehr.

Wenn mich das Heimweh überkommt, geht es tatsächlich in erster Linie, um die Menschen, die mir fehlen und in zweiter Linie ums Essen und Trinken. Das ist schließlich grundlegend und beschäftigt uns jeden Tag. Jenseits von gemeinsamen Ausflügen und Unternehmungen, die noch nicht alle wieder möglich wären, fehlen mir gerade auch Spaziergänge. Da wir in Amsterdam landen würden, wären wir für die ersten Wochen in den Niederlanden und in Drenthe kann man hervorragend wandern und Fahrrad fahren, ganz ohne dabei anderen Menschen zu nahe zu kommen (We love Drenthe).

Natürlich laufen wir auf Bali fast jeden Tag ein Stückchen, da wir uns nur hin und wieder ein Motorrad ausleihen. Doch jenseits des Strandes läuft man, gerade in den Küstenregionen, eigentlich immer entlang von ganz normalen Verkehrsstraßen, an denen es keinen ausgewiesen Bürgersteig gibt, was doch etwas weniger entspannend ist als ein Spaziergang durch die Heidelandschaft in Drenthe. Ausgewiesene Wanderwege durch Wald, Feld und Flur haben wir auf Bali noch nicht entdeckt.

Natürlich führt mal ein Weg zu einem Wasserfall oder ähnlichem, aber es handelt sich dann meist um eine bestimmte Attraktion, die Eintritt kostet, was nicht das Problem wäre, doch touristische Attraktionen sind aber gerade geschlossen, genauso wie es der Westbali Nationalpark, die Treks auf die Vulkane oder die angepriesenen Tempelanlagen und Parks sind (10 Best Hikes and Walks in Bali). Nur Wanderungen um Ubud sind momentan vielleicht möglich.

Kein Weg zurück

Grundlegend skeptisch, nichtsdestotrotz mit wachsender Vorfreude kontaktierten wir also KLM. Der Flug von Bali nach Singapur wurde gestrichen, aber von Singapur nach Amsterdam fliegen sie weiterhin, wenn auch nicht täglich. Von Bali könnten sie uns im August wieder anbieten. Wir können es nicht fassen und auf weitere Nachfrage bieten sie uns eine Verbindung am 1. Juni mit ihren internationalen Partnern an, die uns in knapp zwei Tagen mit Garuda von Denpasar nach Sydney und von dort mit Quantas weiter nach Singapur und abschließend mit KLM nach Amsterdam bringen würde. Vegetarisches Essen könnten sie mir aber nicht bieten, corona-bedingt wäre die Crew nicht in der Lage, sich um spezielle Essenswünsche zu kümmern.

Super Aussichten, doch die Verbindung wird ohnehin gestrichen wieder gestrichen, woraufhin wir selbst suchen und finden. Die Partnerorganisation Garuda nimmt wöchentliche Flüge von Denpasar via Jakarta nach Singapur auf. Bei Garuda ist erfreulicherweise sogar vegetarisches Essen möglich. Unerfreulich wird es erst, als wir unsere Gepäckbestimmungen für den Flug am 5. Juni abklären wollen, denn bei KLM hatten wir ein drittes Gepäckstück dazu gebucht. KLM erklärte, sie würden uns die Kosten erstatten. Was erst so großzügig klingt, bedeutet, dass sie uns den Anteil der Kosten für den entsprechenden Teilabschnitt, den wir ihnen gezahlt haben, wieder erstatten, die tatsächlich anfallenden Kosten für den neuen Flug sollten wir mit Garuda am Flughafen begleichen.

Ein Blick auf den Kilopreis bei Garuda am Flughafen, sah nicht sonderlich vertrauenerweckend aus: 7 Prozent des vollen Ticketpreises plus Steuern pro Kilo. Also fragen wir bei Garuda nach, wie viel Freigepäck wir bei ihnen bekämen. Es zog sich über diverse Anfragen und Tage, bis wir diese Frage komplett klären konnten. Wir hätten jeder eine Tasche, war die erste Antwort. Die zweite Mail sagte, unser Anliegen sei doch schon geklärt worden. Die dritte war dann aufschlussreicher: Für uns gelten nicht die großzügigen Gepäckbestimmungen von Garuda selbst (32 kg plus 23 kg zusätzlich für Tauchausrüstung pro Person), da wir ja nicht bei ihnen gebucht hätten, sondern jeder bekäme ein Gepäckstück von 23 kg wie bei KLM, aber das dort gebuchte dritte Gepäckstück könnten sie nicht berücksichtigen.

Der Berechnungsgrundlage von Garuda zur Folge würden wir für die 23 zusätzlichen Kilos weit mehr bezahlen, als ein zusätzliches Ticket, was dann ja 32 kg plus 23 kg Tauchgepäck inklusive hätte, kosten würde. Überraschenderweise lehnten wir also ab und fliegen nach einen weiteren Verschiebung nun eventuell am 7. Juli mit KLM nach Amsterdam.

Kommando zurück

Mit „Was wordt kip konijn” haben sich Mitglieder der niederländischen Marineinfanterie, die Korps Mariniers, eine der ältesten Eliteeinheiten der Welt, darauf vorbereitet, dass es immer kommt, wie es kommt und oft anders, als man denkt. Vor allem geht es gerade dann weiter, wenn man meint, dass etwas geschafft sei. Genau das bereitet mir gerade Sorgen. Wird dieser Flug gerade deshalb nicht stattfinden, weil wir denken, dass es jetzt sicher gut gehen wird?

Dieser Satz ist übrigens im übertragenen Sinne zu verstehen, denn wortwörtlich macht das Ganze keinen Sinn: „Was wird Huhn Kaninchen”. Obwohl ich es persönlich sogar nachvollziehen kann, wenn man von der Frage ausgeht, was es bitte zu essen geben wird. Eine Frage, die ich mir durchaus frühzeitig stelle und dann gerne auch eindeutig beantwortet habe, so dass ich mich auf das, was mich erwartet, freuen kann. Huhn oder Kaninchen lässt alles offen, wobei mir kein Gericht schmecken würde und das wäre dann zumindest eine eindeutige Antwort, auch wenn sie nur gegen die Marine spricht.

Dass Yoeri beim Militär gewesen ist, passte so ganz und gar nicht zu ihm oder zu meinen eigenen Weltbild, in dem vollkommen klar war, dass Mann verweigerte und Zivildienst machte. In unseren langen Diskussionen bei Rum-Coke mit Calamansi gab Yoeri mir zu bedenken, dass die UN ohne solche Spezialeinheiten keine Friedensmissionen durchführen könnte. Außerdem wäre er ja nicht bei den Mariniers geblieben. Zähneknirschend stimmte ich ihm zu und wir einigten uns darauf, dass es gut war, dass wir uns erst wesentlich später in unserem Leben kennengelernt hatten.

In der vor uns liegenden Entscheidung waren wir vollkommen einer Meinung: Auf gar keinen Fall länger als unsere zwei Monate in Pemuteran bleiben. Wir erkundigten uns bei allen Bekannten, über die Situation in anderen Ecken der Insel und entschieden uns, dass es das Beste sei, einfach nach Amed zurückzukehren. Dort kannten wir uns aus, dort kannte man uns. Darauf legen wir für gewöhnlich keinen gesteigerten Wert, doch in Zeiten von Corona haftet dem Reiz des Unbekannten direkt das Label gefährlich an.

Von außen betrachtet war die Unterbringung in Pemuteran die luxuriöseste in all unseren Jahren in Indonesien. Am Ende war ich heilfroh, dass der Wohnraum oben vom Resort abgewandt war, so dass ich in Ruhe Yoga machen konnte und wir den Blick über die Mauer auf ein Maisfeld nebenan und in die hohen Bäume schweifen lassen konnten. Es sind eben doch die Menschen, die darüber bestimmen, ob ein Ort zu einem Zuhause wird oder einfach nur als Zuflucht dient.

Nach Hause kommen

Als wir in Chez Kin ankommen, stellen wir unsere Berge von Gepäck an der Rezeption ab und dann laufe ich auf die Terrasse am Meer, um den Blick in die Weite zu genießen, Sonne und Wind auf der Haut zu spüren. Wir wissen, dass hier nicht alles perfekt ist, wobei das Internet mittlerweile zuverlässiger ist als bei unserem ersten Aufenthalt, aber es fühlt sich an wie Nachhausekommen.

Das Paar, welches zwischenzeitlich in unserem Häuschen neben dem Resort wohnte, muss irrsinnigerweise die Hühner gefüttert haben. Für Tage kommen sie noch erwartungsvoll auf unsere Veranda gehopst und ihre Anzahl ist geradezu explodiert. Vielleicht ist es die Vorsorge für die mageren Zeiten. Seitdem ich verstanden habe, warum nebenan nun so viel mehr Menschen wohnen, kann ich den Lärm besser ertragen. Familienmitglieder, die anderenorts ihre Arbeit verloren haben, kommen jetzt wieder nach Hause. Wenn so viele Menschen in einer kleinen Hütte wohnen, findet der Großteil des Lebens selbstverständlich draußen statt. Unsere Wände und Fenster dämpfen die Geräusche nicht, das hohe spitz zulaufende Dach wirkt teilweise als Verstärker der Außenwelt.

Das Positive sehen

Doch will ich mich nicht wieder auf die negativen Aspekte versteifen und mir damit selbst mein kleines Paradies madig machen. Immerhin geht die Sonne jetzt direkt vor uns auf, so dass gegen 6:30 orangefarbenes Licht durch die hellen Vorhänge fällt. Oft geben wir nervigen und negativen Aspekten viel zu viel Raum in unseren Gedanken und Gefühlen und lassen sie dadurch nur noch mehr wachsen. Energie folgt unserem Fokus und so habe ich in den letzten Monaten wieder eine Angewohnheit aufgenommen, mit der ich in Wakatobi begonnen habe: jeden Abend überlegen, was ich an dem Tag Schönes erlebt habe und aufzuschreiben, wofür ich dankbar bin.

Anfangs fiel es mir schwer, Erlebnisse und Situationen klar benennen zu können. Wir nehmen so vieles als selbstverständlich hin und gewöhnen uns sogar schnell an das Außergewöhnliche und Herausragende in unserem Leben. Ich habe mit Natureindrücken und Empfindungen begonnen. Die Vögel am Morgen zwitschern hören, die Katze, die sich anschmiegt, um gestreichelt zu werden, die Sonne oder eine leichte Brise auf der Haut spüren, die Freude darüber, eine besondere Nacktschnecke während eines Tauchgangs zu entdecken, ein nettes Gespräch. Dadurch, dass ich es abends aufschrieb, begann ich während des Tages, bereits nach schönen Momenten und Begegnungen zu suchen und nahm dadurch das Ereignis bewusst wahr, genoss es viel intensiver und schaffte eine bleibende Erinnerung.

Das Positive zu sehen, bedeutet nicht, sich alles schön zu reden oder krampfhaft unliebsame Gefühle zu unterdrücken. Es unterstützt mich darin, jeden Tag mit neuer Energie anzugehen, gerade auch wenn es gestern nicht so toll gelaufen ist. Es bewahrt mich davor, den Blick vor der Schönheit und den Möglichkeiten unseres jetzigen Zuhauses zu verschließen, weil wir nicht wissen, wie und wann es weitergeht. Es erinnert mich daran, die kleinen Freuden des Alltags zu genießen und auf mich zu achten.

Unser Zuhause

Im März wollten wir unbedingt fort und jetzt sind wir froh, dass wir zurück sind (Nyepi, der Tag der Stille, auf Bali 2020 gleich doppelt). Im Grunde genommen, kennen wir dieses Muster, wir brechen gerne aus Europa auf und sind genauso froh zurückzukommen. Aber wenn wir bleiben würden, würde uns das Herz schnell schwer, würden wir uns nach etwas anderem sehnen.

Fernweh und Heimweh lösen sich ab. Zuhause ist eine wechselvolle Geschichte, wir sind anpassungsfähig und gespannt auf das, was da noch kommt, an neuen Orten, Menschen, Situationen und Aufgaben. Gleichzeitig wirft eine Situation wie diese doch Fragen auf. Wäre es nicht schön, einen eigenen Rückzugsort am Meer zu haben, sich für eine Sache vor Ort engagieren zu können, zu säen und zu ernten?

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