Gerade liegen die Temperaturen zwar eindeutig über Null, doch der Sturm und Regen lässt unsere Stimmung in ungeahnte Tiefen sinken. Irgendwie schafft es das nasse Regenwetter sogar, dass sich alles kälter anfühlt als mit Eis und Schnee. Vor vier Wochen sah die Welt noch ganz anders aus. Da war richtig Stimmung unter dem Gefrierpunkt.

Es ist an der Zeit, bei einer Tasse Tee einen ersten Blick zurück auf dieses Jahr zu werfen. Nicht nur in den Niederlanden zerrte der never-ending Lockdown garniert mit Ausgangssperren an den Nerven der Menschen. Der Januar war äußerst trübe, die Tage kurz und grau, wobei wir uns äußerst glücklich schätzen, gleich mehrere kuschelige Zuhauses zu haben (Nach Hause kommen). In unseren kleinen Familienblasen waren wir noch dazu in bester Gesellschaft. So lässt es sich trotz allem ganz gut überwintern, auch wenn uns der Mangel an Licht aufs Gemüt schlägt. Im Februar kam dann endlich der erste richtige Frost und brachte die Stimmung zum Kochen.

Der erste Schnee

Schnee macht selbst die grauen Tage heller. Alles Licht, das sich durch die Wolken kämpft, wird schließlich reflektiert und wirkt dadurch doppelt. Seit Weihnachten blickten wir immer wieder neidisch auf die Fotos aus den verschneiten Bergen. Endlich einmal hatten sie mehr zu bieten als das Meer und wir konnten nicht hin (Inselfieber). Doch dann passierte es. Eines Abends Mitte Januar fielen auch im Norden ganz sacht die ersten Schneeflocken.

Große, dicke Wattebäusche sanken für ein paar Stunden auf unser Fleckchen Erde hernieder, so dass wir noch in der gleichen Nacht mit der ganzen Familie losgelaufen sind, um eine Runde im Schnee zu drehen. Drei Zentimetern hüllten das Dorf in ein leichtes Schneedeckchen. Ganz beseelt liefen wir durch den frischen Schnee, genossen das knirschende Geräusch unserer Füße. Während Schneeflocken auf uns herabrieselten, um es sich auf Kragen und Mützen bequem zu machen und stolz durch den Ort getragen zu werden, biss der Boxer Brandy immer wieder fröhlich ein den Schnee. Nur die Katzen blieben lieber drinnen sitzen.

  • Metall pelican is turning its head down as if kissins a statue of a frog on the side of a pond in a garden in the Netherlands covered with snow

Am nächsten Morgen weckte ich Yoeri noch vor dem Sonnenaufgang, denn die Temperaturen lagen leider nicht unter dem Gefrierpunkt. Die kleine Schneewelt schlug sich tapfer, die Flocken ballten sich zusammen, bis der Regen uns allen das Spiel verdarbt. Die Freude, die dieser kleine Besuch des Winters in allen Menschen auslöste, war förmlich greifbar. Schneemänner schossen aus dem Boden. Statt matte Begrüßungen auszutauschen, schauten sich Menschen in die Augen, um ihr eigenes Strahlen in ihnen gespiegelt zu sehen. Die Älteren begannen in schönen Erinnerungen zu schwelgen, während viele Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben Schneebälle formten.

Wenn die Kälte aufzieht

Wenn die Temperaturen auch tagsüber unter den Gefrierpunkt fallen, steigt die Stimmung der Niederländer schlagartig. Eigentlich beginnt es bereits mit der Aussicht auf Frost. Die ersten Vorhersagen über die aufziehende Kälte aus dem Osten Mitte Februar ließen die Herzen höher schlagen. Auf den Titelseiten der Zeitungen und in den Nachrichten wurde besprochen, was der plötzliche Kälteeinbruch alles bringen könnte. Dabei ging es in erster Linie nicht um Verkehrschaos und andere Nebenwirkungen des Winters, auf den wir in diesen Breiten nicht mehr eingestellt sind, sondern die Frage des Eises. Alles drehte sich um seine mögliche Beschaffenheit, Dicke und damit die Tragfähigkeit auf den unzähligen Seen, Flüssen, Kanälen und Bewässerungsgräben des Landes. Gefühlt hielten wir alle den Atem an. Sollte es wirklich möglich sein, dieses Jahr draußen Eislaufen zu gehen? Und wenn es wirklich bis zu zwei Wochen unter Null bleiben würde, was wäre dann erst möglich!

Leider gedachte der Winter nicht, auf leisen Sohlen daher zu kommen, um es sich dann so richtig gemütlich zu machen. Vielmehr fiel er die Niederlande als Eissturm aus dem Osten an und trieb den Schnee vor sich her. Während „Code Rood“ über das ganze Land verhängt wurde, richteten sich bereits alle Augen auf Friesland, die Wiege des niederländischen Eislauffanatismus. Es mag an all den Entwässerungsgräben liegen, die alle Seen, Flüsse und Kanäle miteinander verbinden. Im Winter werden die Wasserflächen mit einfacher Ausrüstung zu Routen und Wegen. Vielleicht war es im Norden in der Regel früher und länger kalt als im Rest des kleinen Landes. In jedem Fall findet hier die Elfstedentocht, Tour der Touren, das größte Eislaufspektakel der Welt, statt. So die Temperatur denn lange genug unter dem Gefrierpunkt bleibt.

Die Elfstedentocht

Die Route der Elfstädtetour geht durch die elf friesischen Orte mit historischem Stadtrecht. Es ist ein Natureis-Langstreckenrennen mit professionellen Eisschnellläufern. Doch anders als bei Radrennen schauen die Menschen nicht nur zu, sondern können selbst teilnehmen. Bei den drei letzten Touren ergriffen jeweils über 16.000 Menschen die Chance, fast 200 Kilometer auf dem Eis zurückzulegen, bejubelt und unterstützt von rund 1,5 Millionen Zuschauern. Die Tour der Touren hat definitiv Kultstatus und so ist vielleicht zu erklären, dass sie, obwohl sie seit ihrer Einführung 1909 nur fünfzehnmal stattfand, sofort in aller Munde ist, sobald Eis nur in Sicht kommt.

Manchmal waren Kälte und Schnee zu schneidend gewesen, um eine sichere Tour zu verantworten. In der „Hölle von 1963“ war lange um die Tour gerungen worden, um sie letztlich abzubrechen, als die Profis das Rennen beendet hatten. Den überraschend guten Film über die Hintergründe, die Begeisterung und die Willensstärke einiger Fahrer, die sich den Traum nicht nehmen lassen wollten, hatten wir zur familiären Vorbereitung bereits gesehen (De hel van ‘63). Auch Yoeris Vater Dick waren auf einer seiner drei Touren (1986, 1987 und 1997) die Augen zugefroren, was ihn nicht davon abhielt, bis zum Ende zu gleiten. Auch wenn er das Ziel nicht mehr klar vor Augen hatte, er kannte den Weg und zog das Ganze durch.

1997 war auch die letzte Tour. Nichtsdestotrotz gehen die Spekulationen los, sobald es zu frieren beginnt. Das sei immer so, erklärte mir Yoeri. Besonders realistisch schien mir die Aussicht darauf, dass innerhalb von einer Woche die gesamte Strecke zufrieren würde, nicht. Um die Massen zu tragen, muss das Eis überall mindestens fünfzehn Zentimeter dick sein. Die Menge der Menschen, die eine Elfstedentocht unzweifelhaft anziehen würde, hatte dieses Jahr noch eine weitere Dimension. Natürlich wurde sofort diskutiert, ob und wie es mit Corona überhaupt möglich wäre. Vorsichtshalber wurde lange vor der Tragfähigkeit gewarnt, was den hartgesottenen Kern der Niederländer nicht davon abhält, sich aufs Eis zu stürzen.

Das niederländische Gespür für Eis

Während in Deutschland die Menschen darauf warten, dass ein See zum Eislaufen freigegeben wird, rüstet sich der gemeine Niederländer mit Eispickeln und Seilen aus, so dass er sich selbst und andere wieder aus dem Loch ziehen kann. Vorsichtigere Zeitgenossen lauschen den Nachrichten, wo Reporter für sie das Eis inspizieren oder schauen selbst nach den Bedingungen vor Ort und nebenbei nach Kunsteisbahnen, die in fast jedem Dorf draußen angelegt werden. Dieses Jahr waren sie nur für Mitglieder der Vereine zugänglich. Zum Glück konnte man häufig an Ort und Stelle dem Club beitreten. Schon dieses Schlittschuhlaufen unter freien Himmel auf einer vierhundert Meter Bahn, wäre ein Hochgenuss für mich gewesen.

Doch Dick wollte von solchen Notlösungen nichts wissen. Während auf den großen Seen noch regelmäßig Eisläufer einbrachen, sollten uns kleine untiefe Seen mit geringer Wasserbewegung vielleicht schon sicher tragen können. Frohgemut lief die gesamte Familie los, um einen versteckten Weiher in Augenschein zu nehmen. Obwohl ich als die Leichteste von Dick auserkoren war, das Eis zu testen, überließ ich als Neuzugang unter den Eismenschen diese Rolle großzügig Linda und Yoeri.

Die Sonne schien und ließ den Schnee funkeln. Auch auf dem See sah zunächst alles sehr gut aus. Das Eis war bis zum Uferrand gefroren, was normalerweise eine der Schwachstellen ist. Brandy folgte den beiden munter aufs Eis. Sogar ich wagte mich einem Meter hinaus, bis Linda zu hüpfen begann und das Eis eine Art Seufzer von sich gab. Als gute Mutter pfiff uns Marga schleunigst zurück und wir beschlossen, dass noch ein oder zwei Nächte strenger Frost dem Ganzen die notwendige Stabilität verleihen würden.

Familienausflüge in Eis und Schnee

Zum Wochenende war es dann soweit. Erst erkundeten wir das Paterswoldsemeer, einen See Richtung Groningen, dessen Eis mittlerweile eine stattliche Anzahl von Eisläufern aller Couleur trug. Doch wir kamen dort nicht richtig in Schwung. Der Schnee hatte diesen See zu einer Buckelpiste gemacht, so dass wir mit den Schlittschuhen mit der langen Klinge, wie sie beim Eisschnelllaufen eingesetzt werden, immer wieder in den festgefrorenen Schneewehen hängen blieben. Dadurch kam ich nicht in das Gefühl. Das Gleiten hilft, die Balance zu finden, seinen Körpermittelpunkt besser wahrzunehmen und die richtige Spannung aufzubauen.

Titelbild zu "Richtig Stimmung unter dem Gefrierpunkt". Zugefrorener kleiner See in den Niederlanden. Die Sonne scheint durch die Bäume am gegenüberliegenden Ufer, die ihre Schatten auf das dunkle Eis und die dünne Schneeschicht, die den See noch zu Teilen bedeckt, werfen. Wolkenloser, blauer Himmel dazu.
Das Zwaanenmeer liegt uns zu Füßen!

Am nächsten Tag führte uns Dick durch einen verschneiten Wald zu einem verwunschenen See, wo das Eis unter einen dünnen Decke von Schnee schwarz und glatt vor uns lag (We love Drenthe). Die einzigen anderen Eisläufer packten gerade zusammen, so dass ich mit Linda verzückt Runde um Runde auf dem Zwaanenmeer drehte, während Yoeri uns aus der Luft filmte. Leider stand die Sonne bereits hinter den Bäumen. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich nun gerüstet für die große weite Welt des Freilufteislaufens.

Richtig Stimmung unter dem Gefrierpunkt

Da das Eis im Süden des Zuidlaardermeer ebenfalls zerklüftet wirkte, fuhren Yoeri und ich ans nördliche Ende des Sees. Durch den Ort Meerwijk ziehen sich viele Kanäle und sie alle konnten befahren werden. Nur unter den Brücken war das Eis nicht dick genug, so dass man hier mit den Schlittschuhen auf festem Grund am Rand übertreten musste, um unter der Brücke durchzulaufen und auf der anderen Seiten wieder aufs Eis zu gehen. Die Friesen haben dafür ein eigenes Wort „laufen in Schlittschuhen“ heißt klûnen (klingt wie klünnen). Sie haben auch ein Wort dafür, um im Sommer mit Hilfe von Holzstäben über solche winterlichen Wege zu springen. „Fierljeppen“ gilt als friesischer Volkssport. Wie wunderbar Sprachen uns die Schönheit und Vielfalt des Lebens nahe bringen!

Hand in Hand glitten Yoeri und ich über das Eis, bis ich entdeckte, wie angenehm es in seinem Windschatten war, der auf dem See kräftig aus Osten pfiff. Dazu sang das Eis. Nicht so ächzend, wie nach dem Sprung von Linda, sondern tiefer, melodischer. Eine durchgehende Vibration, die auf mich übergriff. Also summte ich mit. Gemeinsam sogen wir Sonnenstrahlen in uns auf, sammelten sie für die dunklen Tagen, von denen ganz sicher noch mehr vor uns liegen. Endlich war ich wieder auf dem Wasser, wenn auch ganz anders als gewohnt. Es war berauschend und trotz des Windes war mir nicht kalt. Begeistert schaute ich denjenigen mit Surfbretter auf Kufen nach. Sie wagten sich als einzige mit ihren Segeln und Kites Richtung Mitte des Sees, wo das Eis deutlich schlechter war.

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Eislaufen auf dem Zuidlaardermeer im Februar 2021 bei Meerwijk, Groningen, Niederlande.

Es hätte ewig so weitergehen können. Doch Yoeri wollte filmen und so zog ich alleine meine Runden über das vergängliche Eis, gab mich ganz dem Gefühl hin. Nachdem ich einen halbwegs sicheren Stand hatte, meinen Mittelpunkt wirklich fühlte, begann ich, meine Gleitphase zu verlängern. Wie beim Tauchen war ich dabei ganz im Moment, ganz bei mir, ganz in mir (Warum ich tauchen liebe). Die eigene Körperspannung und -haltung wahrnehmen und ausprobieren, was die effektivste Bewegung ist, um mit möglichst wenig Muskeleinsatz das Maximale herauszuholen. Danke, danke, danke! Danke für das Eis. Danke für das Glück, genau jetzt hier zu sein. Danke für meinen Körper, um all das mit allen Sinnen wahrnehmen und die Freude in Bewegung umsetzen zu können. Ich lief und lief. Solange bis Yoeri mich zurückrief, denn wir mussten Linda einsammeln und mit ihr in die Stadt zum Coronatest zu fahren.

Devocean Pictures on ice

Die ersten Aufnahmen flimmern über den Bildschirm. Da ich über meine langen Strumpfhosen einen Rock gezogen hatte, können wir mich sogar aus größerer Höhe ausmachen. Wobei es im Endeffekt egal ist, wem wir hier beim Eislaufen zusehen. Ich umarme Yoeri von hinten, schmiege mich an ihn und sage: „Ich möchte nicht, dass es wärmer wird.“ Wie in Zeitlupe dreht er sich zu mir um, zieht die Augenbrauen hoch und lacht. „Ich hätte niemals gedacht, diese Worte aus deinem Mund zu hören.“

Ich muss zugeben, ich auch nicht. Aber sobald die Temperaturen in den Niederlanden unter den Gefrierpunkt fallen, steigt die Stimmung. Die Begeisterung für das Eislaufen ist ansteckend und hätte uns ruhig ein wenig länger tragen können. Immerhin werden die Tage jetzt spürbar länger, was mir eine große Hilfe ist.

Auch wenn es merkwürdig war, wie schnell es nicht nur taute, sondern nur knapp eine Woche später an der 20-Grad-Marke gekratzt wurde – Klimawandel lässt grüßen –, konnte ich mich mit der Wärme anfreunden, nachdem Yoeri mir erklärt hatte, dass ich die Elfstedentocht gar nicht hätte mitlaufen können. Dafür muss man Mitglied sein und, obwohl die Menschen seit über zwanzig Jahren auf ihre Gelegenheit warten, sind keine Plätze frei. Vielleicht kann ich die Eisläufer eines Tages vom Rand anfeuern. Sehr wahrscheinlich ist es nicht. Doch trotz steigender Temperaturen, gerade im Winter, geben die Niederländer die Hoffnung nicht auf.

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