Ich reibe mir die Augen und zupfe die Maske zurecht. Kaum zu glauben, aber 2 Monate und 5 Tage nachdem wir ursprünglich in Schiphol hätten landen sollen, stehen wir am Kofferband im Amsterdamer Flughafen. Yoeri drückt meine Hand. „Nummer 6 ist dann wohl unsere Glückszahl.” 

Während viele Menschen in Europa vor der Frage standen, ob und wenn ja wohin sie denn in den Sommerurlaub fahren sollen, versuchten wir zurück nach Hause zu fliegen (Nach Hause kommen). Reisen in Zeiten von Corona ist unberechenbar: Hauptsache weg. Kommunikation ist wie immer zentral und läuft oft verquer, nicht nur bei mir.

Ankunft am Flughafen in Jakarta

Nichts wie raus aus der Maschine, denken sich alle Passagiere. Gerade saßen sie noch brav sozial distanziert mit einem knapp einem Meter Abstand, mehr schlägt auch ein freier Sitzplatz nicht heraus, doch jetzt ist das vergessen und ich spüre förmlich ihren Atem im Nacken sitzen – trotz Maske. Während Läden und Schulen ausgeklügelte Bewegungspläne und Hygienekonzepte erstellen, steht das Flugzeug nicht nur über den Wolken über den Dingen. Vielleicht gilt auch das Gesetz des Dschungels: Je größer das Unternehmen, um so weniger kann es sich mit Hygienevorschriften abgeben. Amazon lässt grüßen (Beyond face masks: Let’s show some solidarity).

Stramm losmarschieren, den Korridor entlang, einmal rechts abbiegen, einmal links abbiegen und dann sollen wir eine Rolltreppe nach oben in die Abflughalle nehmen. Die Schalterhalle liegt wie ausgestorben vor uns, wir lassen uns auf eine Bank sinken. Nach und nach bildet sich eine kleine Menschentraube vor einer Anzeigentafel. Die allgemeine Aufregung steigt, bis wir uns dem nicht mehr entziehen können. Es werden die Flüge für die nächsten zwei Stunden angezeigt und hinter jedem einzelnen steht „abgesagt”.

Yoeri bleibt cool und verbreitet Optimismus unter den Reisenden, die alle wie wir nach Amsterdam wollen: „Warum sollten sie unseren Flug später am Abend jetzt noch absagen. Das macht keinen Sinn, zumal wir alle schon eingecheckt wurden. ” Im Hinterkopf merkt eine Stimme an, dass die Erfahrung leider zeige, dass bisher nicht alle Entscheidungen logisch zu erklären waren. Hier werden Begründungen selektiert und dort regelrechte Glaubenssätze kreiert. In diesem Sinne ist alles möglich.

Doch wenn alles möglich ist dann doch auch, dass der Flug stattfindet, wirft eine andere Stimme triumphierend ein, der ich am liebsten dankbar um den Hals fallen würde. Ja, auch das ist möglich. Während meiner inneren Überzeugungsarbeit macht die Anzeige keine Anstalten, auf spätere Verbindungen umzuspringen. Aber was wäre Corona ohne abwarten.

Wir machen uns schon einmal auf den Weg. Der Zugang zu den Gates, welches auch immer wir zugeteilt bekommen, scheint am anderen Ende dieser riesigen Halle zu liegen. Die Stille spielt sich subtil in den Vordergrund, wodurch die leere Weite zusätzlich betont wird und die Architektur hervortritt: Hohe Fensterfronten, blitzende Stahlträger, heruntergelassene Rollläden. Alles schön säuberlich aufgeräumt und verstaut, leider auch die Gepäckwagen und so schleppen wir uns und unserer Handgepäck zur erneuten Sicherheitskontrolle.

Hauptsache weg

Dann heißt es weiter abwarten und mich nicht von Gedanken oder Gefühlen auf Abwege bringen lassen. Vor zwei Wochen durfte ein befreundeter Schweizer Tauchlehrer dank eines übereifrigen Mitarbeiters von Qatar nicht zusammen mit seiner italienischen Freundin nach Italien fliegen. Obwohl es kein Einreiseverbot von Seiten Italiens gibt, ließ er sich nicht von seiner harten Kante abbringen: Jeder bitte in sein eigenes Land. Nur wenn sie verheiratet gewesen wären, hätte der indonesische Mitarbeiter Erbarmen mit ihnen gehabt.

In dem Fall wären wir auf der sicheren Seite und suchen uns ein ruhiges Eckchen, um die folgenden sechs Stunden abzusitzen. Mein Bauch grummelt. Als Abschiedsgeschenk haben wir uns kurz vor der Abreise in Amed noch irgendeine Magendarmgeschichte eingefangen. Beim einen kam alles unten und beim anderen oben raus. Herzallerliebst. Verabschiedungen haben wir komplett abgesagt, da das Packen bereits unsere minimal vorhandene Energie beanspruchte (Aufbruch und Abschied). Außerdem hätte es ja durchaus ansteckend sein können.

Ist das nun Hunger oder ist mir einfach schlecht. Optimistisch setze ich darauf, dass Hunger wahrscheinlicher ist und knabbere vorsichtig eine Erdnuss nach der anderen. Mein Bauch lässt mich nicht hängen und bejubelt die Energiezufuhr. Als es gegen 19 Uhr dunkel wird, lege ich mich auf dem Teppichboden auf meiner Jacke hin, denn zu etwas anderem fehlt mir dann doch die Ruhe.

Irgendwann weckt mich Yoeri. Mittlerweile hatte es unser Flug auf die Anzeigentafel geschafft. Das Gate wurde schon einmal gewechselt, netterweise direkt neben unser Lagerplatz. Die Abflugzeit wurde mit die Wechsel um eine Stunde nach hinten angepasst. Sie sagen wirklich „nach hinten anpassen” und auch nur auf Nachfrage, denn die Stille, die über Terminal 3 liegt, wird nicht durch ein paar popelige Ansagen gestört. Yoeri ist wachsam und das Boarding beginnt. Der eigene Versuch, etwas Abstand einzuhalten wird als Aufforderung genutzt, in die Lücke vorzustoßen. Alles wie immer: Hauptsache weg aus Jakarta.

Rückflug Nummer 4-6

Im Grunde genommen hätten wir schon früher mit Garuda vpn Denpasar über Jakarta nach Amsterdam fliegen können. Spätestens seit Ende Mai wird diese Route jeden Donnerstag angeboten. Doch wir haben KLM vertraut und unseren bestehenden Rückflug kostenfrei immer wieder umbuchen lassen müssen. Aus Mai wurde Anfang Juni und dann Anfang Juli.

Als sie Mitte Juni wieder alle Flüge von oder nach Denpasar von ihrer Website entfernten, wurde ich stutzig. Der Kundenservice erklärte, dass die Flüge komplett ausgebucht seien und deshalb nicht mehr angezeigt würden. Ich traute dem Braten nicht, da Indonesien noch keine neuen Visa vergibt. Wenn nur Indonesier, Diplomaten und Besitzer von Arbeitsvisa und -erlaubnis einreisen dürfen, wie wollen sie mehrere Flieger wöchentlich füllen?

Die Tage schritten gemächlich dahin, um dann plötzlich wie im Fluge zu vergehen und am Ende im Sande zu verlaufen. Diesmal machte es KLM besonders spannend und sagte den Flug erst vier Tage vor Abreise ab. Aufgrund von Corona heißt es lapidar, als wäre das Virus gerade jetzt persönlich über die Airline hergefallen. Wir geben uns geschlagen und leiten den Prozess zur Erstattung unseres Rückfluges ein. Es darf auch ein Gutschein sein, solange sie dann irgendwann wirklich wieder fliegen.

Gehört haben wir natürlich noch nichts, außer dass sie momentan sehr ausgelastet seien. Kein Wunder, wenn sie nicht länger als vier Tage im Voraus wissen, wohin sie fliegen und dann angeblich volle Flieger umbuchen müssen. Corona hin oder her, kann man das wirklich als Planung bezeichnen?

Dabei hat die niederländische Regierung KLM bereits 3,4 Milliarden an finanzieller Unterstützung zugesagt, ohne selbst irgendwelche Auflagen oder Ziele zu formulieren, wie Yoeri jedes Mal wütend anmerkt. Die Bundesrepublik ist für schlappe 9 Milliarden Euro Anteilseigner bei Lufthansa geworden, beteuert aber das Stimmrecht nur gegen feindliche Übernahmen zu nutzen und sich ansonsten aus dem Geschäft rauszuhalten. Warum eigentlich?

Österreich macht es anders. 600.000 Euro Unterstützung gab es für Austrian Airlines nur unter Umweltauflagen. Wenn der Zielort von Wien aus in weniger als drei Stunden mit der Bahn zu erreichen ist, wird der Flug auf die Schiene verlegt. Dazu kommt eine schrittweise Reduzierung des CO2-Ausstoßs und ein Mindestpreis für Flugtickets. Europaweit könnte Kerosin besteuert werden und warum genau sind internationale Flugtickets eigentlich von der Mehrwertsteuer befreit?

Kundenservice und Reiseauflagen

Um etwas Positives über KLM herauszustreichen, die Kundenbetreuung über Facebook läuft insofern gut, als dass sie sie sich zeitnah zurückmelden, wobei sie sich nicht immer die Zeit nehmen, die Nachricht wirklich zu lesen. Über die vergangenen Monate hat Yoeri lange Chats mit diversen Mitarbeitern geführt und herausgearbeitet, dass er am besten mittags unser Anliegen vorbrachte, um im Laufe des europäischen Arbeitstages alle Punkte mit ein- und demselben Mitarbeiter abarbeiten zu können.

In der Nachtschicht passiert nicht viel und noch schlimmer sind Schichtwechsel. Wertvolles Wissen in Krisenzeiten, denn wenn jemand Neues übernimmt, fängt alles wieder von vorne an, obwohl die vorherigen Mails weiterhin im Chat einsehbar sind. Auf die Nachfrage, welche Gesundheitsauflagen wir für unseren Flug erfüllen müssten, wurden wir so an die niederländische Botschaft in Indonesien verwiesen. Mir graute bereits vor der Kommunikation mit der Botschaft (Visaverlängerung: Service mit Hindernissen), doch Yoeri erkannte, dass sie glaubten, wir würden nach Bali fliegen. Nachdem geklärt war, dass es in die andere Richtung geht, schickte der nächste Mitarbeiter einen Link zur Gesundheitserklärung für alle Reisenden in die Niederlande.

Sonst gäbe es nichts zu beachten, hieß es, was ich vorsorglich über das Auswärtige Amt bestätigte. Wenn man eines der Symptome Fieber, Husten, Schnupfen, Halsschmerzen oder Atemnot habe, dürfe man nicht an Board, heißt es auf dem Papier, dass uns die Flugbegleiter von Garuda austeilen, als wir gerade über Südeuropa fliegen. Seit ein paar Stunden huste ich immer mal wieder verschämt in die Armbeuge, wage es sogar mir die Nase zu schnäuzen. Obwohl ich das auf Langstreckenflügen mit der trockenen Luft nicht vermeiden kann, fühle mich trotzdem gleich schuldig, als ich überall nein ankreuze.

Sehen oder gar einsammeln wollte die Crew die Gesundheitserklärungen allerdings nicht. Daraufhin fragte Yoeri den Einreisebeamten, der ohne Maske lässig an eine Säule gelehnt den Moment genoss, den Einreisenden beim Self-Check-In mit den modernen Pässen anzuweisen, dass die Maske jetzt runter müsste. Ich lese später, dass es stichprobenartige Kontrollen für die besagte Gesundheitserklärung gäbe. Wahrscheinlich können sie ohnehin auf die Buchungsdaten der Flugunternehmen zugreifen und können auf die Selbstdiagnose genauso gut verzichten.

Im Vergleich dazu war Indonesien bereits im März äußerst gewissenhaft. Bei unser Einreise aus Thailand mussten die Formulare, inklusive persönlicher Kontaktdaten und Gesundheitserklärung unter den wachsamen Augen des Flughafenpersonals ausgefüllt werden. Bei der Übergabe wurden Pass- und Flugnummern überprüft und uns im Gegenzug ein gestempeltes Covid-19 Zertifikat ausgehändigt. Nur die nicht-funktionierende Wärmebildkamera trübte das geschäftige Bild.  

Das neue indonesische System

Um in Indonesien von einer Insel zur anderen zu reisen, egal, ob per Boot oder Flugzeug, muss mittlerweile ein Schnelltest auf Antikörper gegen Covid-19 vorgelegt werden. An sich ist dieser Test nicht dazu gedacht, eine akute Erkrankung aufzuzeigen. Deshalb heißt es auf dem Ergebnisbogen auch: Ein positiver Test bedeutet nicht zwangsläufig, dass man tatsächlich an Covid-19 erkrankt sei. Im Gegenzug schließe ein negatives Testresultat nicht aus, dass man das Virus in sich trägt. So weit, so unklar. Trotzdem ist dieser Schnelltest seit kurzem sogar für 14 Tage gültig.

Diverse Krankenhäuser in Kuta und Denpasar bedienen die zwanghafte Nachfrage. Dafür wurde draußen vor dem Eingang ein extra Empfangstisch aufgebaut, wo wir uns die Anmeldeunterlagen abholten. Während wir uns bemühten alles richtig auszufüllen, sah ich aus dem Augenwinkel, wie die nächste Testperson an den Tisch herantrat und zum Reden höflich die Maske herunterzog. Die Krankenhausmitarbeiter sahen es gelassen hinter ihren Visieren. Auf die Einhaltung von Vorsorgemaßnahmen hinzuweisen, war eindeutig nicht ihr Aufgabenbereich. Dafür wurde bei jedem, der ins Krankenhaus selbst wollte, Fieber gemessen. Was passiert wohl, wenn man Fieber hat? Wahrscheinlich Schnelltest.

Wir stießen unsererseits auf ein Problem. Es wurde gefragt, ob man in den letzten 14-Tagen eines oder mehrere von sicher zehn Symptomen gehabt hätte. Die Sache mit dem Magendarm war ein paar Tage her, weshalb wir diese Punkte ankreuzten. Vorsichtshalber erklärten wir unsere Krankengeschichte und erfahren, wenn wir dort ja ankreuzen, steht auf dem Resultat: Symptome vorhanden. Ich versuchte ruhig, aber bestimmt auf den Umstand hinzuweisen, dass es falsch wäre, 14 Tage in die Vergangenheit zu fragen und dann das Vergangene zur Gegenwart zu deklarieren, um damit unser Zukunft zu ruinieren.

Die Schwester spannte ihren ganzen Körper an, wahrscheinlich verrutschte ihr Lächeln keine Sekunde, doch das konnte ich hinter ihrer Maske ja nicht zu erkennen. Aus ihrer Reaktion konnte ich ablesen, dass ich minimal lauter und schneller gesprochen hatte und sie sich wohl persönlich angegriffen fühlte. Ich entschuldigte mich sofort, nicht ohne darauf zu beharren, dass es offensichtlich einen Fehler im System gäbe. Dies seien eben die neuen Nebenwirkungen von Covid, schaltete sie auf stur. Das war ja gar nicht der springende Punkt. Doch ich gab meinen Widerstand auf und hielt den Mund woraufhin sie pragmatisch anbot, wenn wir jetzt keine Symptome hätten, sollten wir eben einfach nein ankreuzen. Das machte sie schlagartig äußerst sympathisch, aber ich verkniff mir ihr verschwörerisch zuzuzwinkern.

Reisen in Zeiten von Corona

Der Flughafen in Bali war wie leergefegt, wodurch die Markierungen zum Abstandhalten auf dem Boden umso stärker ins Auge fielen und ihrerseits betonten, dass es kaum jemanden gab, dem wir aus dem Weg gehen mussten. Fußabdrücke zum Anstehen vor den Frauentoiletten könnte man auch als Zeichen der Hoffnung sehen, dass die guten alten Zeiten sicher irgendwann wiederkehren werden.

Bei den Männern hingegen wurde keine Beschriftung angebracht. Nicht einmal jedes zweite Pissoirs wurde ordentlich mit einem Kreuz markiert, wie es bei den Stühlen der Fall ist. Männer dürfen in Denpasar fürs Erste eigenverantwortlich sozial pinkeln. Noch werden keine neuen Visa vergeben, momentan ist der 11. September im Gespräch. Das Notfallvisum läuft zu Ende Juli aus, was dazu führen wird, dass bis dahin noch mehr Menschen die Insel verlassen werden (Deutsche auf Bali: Zum Coronavirus in Indonesien).

Auf der Strecke von Denpasar nach Jakarta wird jeweils der mittlere der drei Sitzplätze freigelassen. „Because you matter” steht auf den Papierüberwürfen der Kopfstützen dieser Sitze. Freudig überrascht registrieren wir, dass im zweiten Flieger die gleichen Hinweise angebracht sind. Einmal mehr Hände desinfizieren und tief durchatmen, so gut es eben geht mit der Maske.

Auf einmal nimmt ein älterer Herr den dritten Sitzplatz in Anspruch. Yoeri schnaubt: „So viel zählen wir dann also.” Nach ein paar Minuten kommt ein Steward und erkundigt sich, ob wir zusammen reisen würden. Nachdem er die Bordkarten kontrolliert hat, bittet er den Mann, ihm doch trotzdem zwecks sozialer Distanzierung zu einem anderen Platz zu folgen. Der Fluggast weigert sich. Entschuldigend schaut er uns an und erklärt gebrochen, er sei Muslim. Äußerst verwirrend. Ich frage mich, in welcher Weise Muslime von den Regeln ausgenommen sein oder sich durch den Lockdown diskriminiert fühlen könnten.

Der Mitarbeiter hat inzwischen jemand anderen gefunden, der mit mir den Platz tauscht, so dass Yoeri und ich auch auf diesem Flug einen Reihe für uns haben. Als ich noch schnell darum bitte, dass mein veganes Essen an meinen neuen Platz geliefert wird, geht mir ein Licht auf. Der Herr hat wahrscheinlich halal als speziellen Essenswunsch angegeben. Während ich mich anschnalle, danke ich Garuda innerlich, dafür dass sie uns jetzt nach Hause bringen und dafür, dass sie allem Menschen noch Essen servieren. Im Gegensatz dazu hatte KLM schlicht erklärt, aufgrund von Corona würden keinerlei Essenswünsche berücksichtigt werden können und Alkohol wäre bis auf weiteres ebenfalls gestrichen. Prost Mahlzeit.

Kommentar verfassen